Mari ist tot. Und ich schäme mich für meine Trauer. Es ging ihr zeitlebens besser als so manchem Menschen. Jeden dritten Sonntag habe ich sie und ihre Gefährtin Nike in einem Körbchen in die Parkaue getragen. Ein, zwei Stunden liefen sie dann durchs Gestrüpp, versteckten sich und zogen die frischen Grashalme lustlos aus der Erde. Mit der Freiheit wussten sie nie etwas anzufangen. Ich habe mich oft gefragt, was sie wohl täten, wenn sie keine Haustiere geworden wären, und sie ihr Leben auf Feldern, in den Bergen oder in Wäldern verbracht hätten. Ob sie sich selbst hätten versorgen und vor Greifvögeln retten können. Mari und Nike wurden zu Käfigwesen, die zu quieken anfingen, wenn sie nach einem langen Tag endlich meinen Schlüssel im Schloss der Wohnungstür hörten. Aufgeregt sprangen sie herum, sobald man das Käfigzimmer mit einem Teller voll geschnittener Gurken betrat.

Heute morgen hörte ich nur noch Maris kurzes Jammern, dafür öffnete sie ihr kleines Mäulchen ein letztes Mal. Kein Quieken, es war einem erlösenden Seufzer gleich.

Ich habe mal ein Buch über eine Frau gelesen, die den Tod ihrer Katze betrauert, seitenlang, bis der Leser irgendwann dahinterkommt, dass die tote Katze bloß eine Einbildung der Frau ist. Vermutlich hat die Autorin diese Idee nicht bewusst als Kunstgriff genutzt. Sie muss einfach irgendwann selbst bemerkt haben, dass eine einfache Geschichte über eine verstorbene Katze keinen Hund hinterm Ofen hervorlockt.

Selbst ohne den Tod eines Haustiers können sich eines Tages unerklärliche Leerstellen im Seelenleben eines Menschen einnisten. Doch das, was ich für Mari empfinde, ist ganz konkret. Bis vor sechs Stunden hat sie noch gelebt. Über ihren Tod nachzudenken ist schmerzhaft. Umso schneller habe ich sie gleich heute Morgen hinter einem Buchsbaum in der Parkaue vergraben, mit Blick auf die Schienen der Ringbahn, in einem schwarzen Schuhkarton für Sneaker aus der Altpapiertonne im Hinterhof, den ich mit zwei roten Papierservietten ausstaffierte. Um das Grab wiederzufinden, legte ich ein paar Muscheln aus dem Griechenlandurlaub darauf.

Auf dem Rückweg vom Begräbnis traf ich im Treppenhaus eine Nachbarin, mit der ich mich bis dahin noch nie unterhalten hatte. „Eins meiner Meerschweinchen ist heute morgen gestorben“, begann ich zu erzählen. „Maris Körper war noch lange warm und als ich sie hochgenommen habe, lief ein langer Wasserstrahl aus ihr heraus, direkt in das mit einer Decke ausgelegte Kistchen, in dem sie ihre letzte Nacht unter einer Wärmelampe verbrachte.“

„Die Blase ist dann halt nicht mehr intakt“, sagte die Nachbarin und versuchte mich in ein Gespräch über den beißenden Uringeruch im Keller unseres Hauses zu verwickeln. „Dass das Rattengift seine Wirkung zeigt, ist ja schön und gut“, meinte sie, „aber irgendwer kann sich ja auch mal dafür verantwortlich zeigen, die toten Ratten wegzuräumen.“

„Eine Stunde später war Mari kalt und leicht wie ein toter Karpfen“, sagte ich nur.

Seit ich wieder in meiner Wohnung bin, ist Mari wieder da. Ich rieche den Käfig und höre, wie Nike in der obersten Etage des Käfigs im Streu raschelt. Sie weiß noch nichts von Maris Tod. Die Tierärztin hatte mir geraten, die Meerschweinchen räumlich zu trennen, als Maris Zustand sich weiter verschlechterte. Nike wird Maris gesundheitliche Schwäche mitbekommen haben.

Meerschweinchen sind Herdentiere. Nike darf nicht allein gehalten werden. Behalte ich Nike, muss ich ein neues Meerschweinchen organisieren. Wenn Nike stirbt, muss dann wieder ein neuer Partner für das Verbliebene her. Der Anfang einer unendlichen Meerschweinkette. Die Kette zu durchbrechen, würde bedeuten, Nike wegzugeben, an ein Rudel oder an ein anderes hinterbliebenes Meerschwein. Irgendeine Lösung muss gefunden werden.

Mit Nike auf dem Schoß scrolle ich mich an meinem Laptop durch Online-Anzeigen. Das Angebot ist groß. „Drei kleine handzahme kastrierte Agouti-Buben, pro Stück 30 Euro“, heißt es in einer Anzeige aus Charlottenburg. Nike quiekt, als sie das Foto sieht, auf dem sechs Knopfaugen aus drei Fellchen hervorlugen.

„Nike, wir suchen keine neuen Schweine für hier, wir suchen eine neue Bleibe für dich!“ Jetzt ist es raus. Nike versteht.

„Lolli sucht!“, steht über einer weiteren Anzeige. Um das Bild zu vergrößern, klicke ich auf den Schriftzug. „Sieht doch ganz nett aus“, sage ich, und Nike schaut neugierig auf das Bild mit der ockerbraunen Meerschweindame. „Hallo, ich bin Lolli, ca. vier Jahre alt, letzte Woche ist Martin gestorben, vorletzten Monat Rosine und letzten Winter Regula, davor Karl. Nun bin ich wieder auf der Suche nach einer neuen Gefährtin oder einem Gefährten.“

„Auf gar keinen Fall“, denke ich laut. Lolli wohnt zwar direkt um die Ecke in der Bänschstraße, aber die Vorstellung, dass Nike nur eine weitere Verflossene einer professionellen Meerschweinwitwe wird, ist nicht zu verantworten. Ich entschuldige mich bei Nike. „Meine Freunde habe ich ja auch nicht im Internet kennengelernt“, sage ich. Das Bild eines ockerfarbenen Sofas eines Berliner Designeroutlets poppt gleich neben Lollis Foto auf, die Fellfarben vermischen sich mit den Farben weiterer Artikel, die mir über Werbebotschaften auf dem Bildschirm angeboten werden. Mir wird schwindelig, bevor ich den Laptop zuklappe.
Ich lasse Nike zurück in ihren Käfig. „Jetzt werde ich dir erstmal was Leckeres im Park holen. Es wird sich schon eine Lösung finden“, verspreche ich, doch ich bin ratlos. Wo finde ich andere Besitzer von Meerschweinchen, woran erkenne ich sie?

Hundebesitzer erkennen einander an ihren Hunden, die sie auf offener Straße an langen Leinen durch den Kiez führen. Vielleicht brauchen sie diese Leinen, um durch den Widerstand der Hunde ihre eigenen Körper zu spüren.

Hunde werden in Körbchen durch die Stadt gefahren, sie besuchen italienische Restaurants in Friedrichshain, haben die Reste der Berliner Mauer gesehen. Hunde werden auf Stahlstufen von Rolltreppen bugsiert, auf denen sie hinab in U‑Bahn-Stationen fahren, wo sie schönste Fliesenkunst bestaunen können: den Vogel von Rainer G. Rümmler in Reinickendorf, die tieforangen Fliesen an der Frankfurter Allee, die den Untergrund im eisigsten Winter in ein warmes Licht tauchen. Hunde müssen U‑Bahn-Tickets und Steuern zahlen. Sie lernen andere Hunde vor der Haustür kennen und beschnuppern sich gegenseitig an den intimsten Stellen, während Herrchen und Frauchen oder Herrchen und Herrchen oder Frauchen und Frauchen distanzierte Unterhaltungen führen und sich langsam, aber sicher annähern. Meerschweinchenbesitzer bleiben inkognito, weil Meerschweinchen im Verborgenen bleiben. Meerschweinchen hinterlassen keine Haufen auf den Straßen und ziehen doch weite Kreise in der Stadt. Jedes Berliner Meerschwein ist um drei Ecken mit einem anderen Berliner Meerschwein verwandt.

Ich bin mit meinem Rad in den Volkspark gefahren, knie am Wegesrand, rupfe den Löwenzahn aus der lockeren Erde und rieche an den saftigen Büscheln, bevor ich sie in das kleine Plastiktütchen stopfe. Immer wieder springen Jogger über meine Hände.

So viel werde ich für Nike allein heute nicht brauchen. Mit dem vollen Tütchen am Lenker fahre ich heim, lehne mein Rad an die Bank vor meinem Haus. Oben in meiner Wohnung wartet Nike, doch ich brauche noch etwas Zeit für mich. Ich kicke ein paar leere Zigarettenpäckchen auf dem Pflaster vor der Bank beiseite und setze mich mit dem Löwenzahntütchen in der Hand auf die Bank.

Die Tür des Spätkaufs an der Ecke öffnet sich und heraus kommt ein Mann in einer hellblauen Jeansjacke, an deren Brusttasche einige Anstecknadeln pinnen. Er hält einen Stoffbeutel an den Henkeln zusammengeknüllt in der Hand. Seine Frisur scheint seit Monaten rauszuwachsen, sein Haar ist auffällig gescheckt, das fällt mir auf, als er sich mir gegenüber auf die Bank setzt. Er erinnert mich an irgendwen, vielleicht auch an eine Sache. Glücklich schaut er aus, fast beseelt, es ist kein zur Schau gestelltes Glück. Er schielt auf das Tütchen mit dem Löwenzahn auf meinem Schoß. Und als er bemerkt, dass ich ihn anschaue, wende ich mein Gesicht ab. Da höre ich ein leises Quieken. „Mari“, denke ich sofort, „Maris Quieken!“ Ich schaue zu meinen Füßen. Das Quieken wird immer lauter, und als ich in das Gesicht des Mannes blicke, bricht das Quieken plötzlich ab und er beginnt, seinen Beutel vor sich herzuschlenkern, aus dem ein Büschel Löwenzahn herausragt. „Für Flori“, sagt er, „drei Jahre, kastriert, seine Sophie ist vorgestern gestorben. Sophie war ein sensibles Schweinchen. Manche Menschen denken ja, Meerschweinchen seien nichts wert. Flori lässt sich nichts anmerken, aber immer wenn ich ihn allein lasse, muss ich das Radio für ihn anstellen. Er liebt Radio 7, vor allem diese Plattenbesprechungen mit Georg Müller.“

Die Stimme des Manns wird ruhig: „Das muss schon einsam sein, da in dem Käfig.“ Lange will er Flori nicht allein lassen, sagt er. Ich nicke und fange an von Nike zu erzählen.

Weitergehen

tot

…die vom Fenster aus – die Arme auf ein Kissen gestützt – das Straßengeschehen beobachtete, ist tot.

einsam

…das sich unter anderem darin von anderen Häusern unterscheidet, dass es keine unmittelbaren Nachbarsgebäude hat und der Idee eines einsamen Dichterhorts sehr nahekommt.

Wohnungstür

…vor allem auch die Briefträger, die ihre Post in den dafür vorgesehenen Schlitz der Wohnungstür einzuwerfen hatten.

Jammern

Die Frau rannte irgendwann jammernd die Flurtreppe hinab.

Tod

Nachbarin und Nachbar warten flirtend auf den erlösenden Tod…

Leerstelle

…und schickt mir aus jedem einzelnen ein Foto der Leerstelle, an der sich die Hefe befinden sollte.

Leser

Ein aufmerksamer kritischer Leser dieser geologischen Spuren ist, noch bevor kritische Zonen aus erdgeschichtlicher Sicht erfunden sind, Ernst Bloch…

Hinterhof

Down to earth – diese Aufforderung zum situierten Denken vom Boden her sollte ja eigentlich auch für meinen Kiez gelten, oder, noch weiter eingegrenzt, für den Hinterhof des Hauses, in dem ich wohne.

Neid

in berlin wollense wissen, in welchem kiez du lebst. kreuzberg ist eine gute antwort. das ruft ein bisschen neid hervor.

Grab

Wenn sie über den Friedhof geht, sucht sie nach dem Grab der jüngsten Person auf dem Friedhof.

Keller

Einer trägt große Abfallsäcke in den Keller, was die Frau im Berliner Fenster nicht sehen kann. 

Treppenhaus

Wie er sich früh schon ein oder zwei Schaltjahre beengt im Treppenhaus herumdrückt…

Etage

in meinem haus wohnt ein nazi, auf meiner etage ein schwules paar…

Charlottenburg

…the passage from Charlottenburg to Spandau meant a day’s journey through the marshlands.

Foto

Der Link zur Bildagentur führt mittlerweile jedoch nicht mehr zu dem entsprechenden Foto.

Internet

Berlin had not yet become a major tourist destination, most of us lived without the Internet…

Partner

My partner and I spend an excessive amount of time preparing what we might say to, for example, the first-floor family…

Kiez

…soziale Spezifika des Lebens in der ‚Insel-Stadt‘ West-Berlin, wie auch auf konkrete Berliner Kieze und Milieus.

Mauer

Gesellschaftsformen sind für mich so unumstößlich wie die Mauer, nämlich gar nicht.

Frankfurter Allee

Hausbewohnerinnen und erklärt Neukölln zu einer „üble[n] Gegend“ – viel besser sei die Frankfurter Allee…

Haustür

Geht man durch die Straßen in Berlin oder anderen deutschen Städten ist es inzwischen alltäglich und selbstverständlich, dass an den Haustüren Klingelschilder mit Namen zu finden sind…

intim

…I’m compelled on a daily basis to get intimately involved with the fact that the occupants of the other apartments in the house…

distanziert

Aus epidemiologischer Sicht ist es in Zeiten der Pandemie ratsam, physisch auf Distanz zu gehen…

Spätkauf

…niedrigschwellige Orte der vielfältigen Zusammenkunft wie Eckkneipen und andere Nachtlokale, Sitzbänke, Spätis und kleine Geschäfte…

Haar

Das Haar wächst immer weiter. Jede Minute, jede Sekunde, das muss ich dir nicht sagen.

Hund

Kein Mensch ist zu sehen, nur ein Hund mit auffällig buschigem Schwanz streunt langsam den Gehsteig entlang.

Radio

Kurz nachdem ich abgesagt hatte, hörte ich im Radio von dem Brand, von dem „Großbrand in Kreuzberg“…

Reinickendorf

Berlin — Reinickendorf: Denke ich an Nachbarschaften, dann denke ich an die hohen Schuhe meiner Anneanne.

Katze

Ich denke an Banu, unsere erste Katze.

Ofen

Im folgenden Winter heizte K. ihn so, dass sich seine Decke um ein paar Zentimeter anhob. Aber auch diese Anstrengung von Heizer und Ofen half wenig gegen die Kälte im Raum.

Friedrichshain

Jahrelang hatte ich in Friedrichshain auf der Rennstrecke zwischen Berghain und Simon-Dach-Straße gehaust, Touristen den Weg in die umliegenden Clubs gewiesen und das Partytreiben enthemmter Provinzler direkt vor meinem Schlafzimmerfenster anhören müssen…

Laptop

Ich sitze am Laptop und weiß nicht, wie ich meine Gedanken von den Daten unterscheiden würde, wobei ich beteuere, dass beides nicht dasselbe ist.

Frage deinen Nächsten nur über Dinge, die du selbst besser weißt. Dann könnte sein Rat wertvoll sein.

Karl Kraus, Pro domo et mundo, 1919

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu auch Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.