hoi, wem ghörsch.

fragt man in liechtenstein, wenn man jemand neues kennenlernt.
die einzig richtige antwort ist der name des vaters, weil
dem gehörst du. und welche farbe die gemeinde, aus der du kommst,
wählt. füürrot, brandschwarz oder die weissen, die die grünen
sind..?
in berlin wollense wissen, in welchem kiez du lebst.
kreuzberg ist eine gute antwort. das ruft ein bisschen
neid hervor. aber auch schadenfreude. weil gentrifizierung, nee
und neue cafés mit kaffees und hafermilch.
aber immerhin gibt es noch die 24-stunden-bars,
mit richtig echten berlinern von drüben und berlinerinnen
von hier. sie sind ein bisschen grob, das ist ihr charme.
aber reden willst du dann doch nicht mit ihnen.
sie sind nämlich schon ein bisschen komisch. und riechen oft stark.
der kassierer bei netto kennt mich langsam. und sagt:
die kreditkarte unbedingt in folie einwickeln,
weil mit magnetlesern zwei kumpels von ihm bereits das ganze
geld abgenommen wurde. drüben am kotti, logisch, wo sonst.

der wedding kommt, der prenzlberg hat ein kinderwagenproblem,
in mitte sind die zu reichen, spandau wird ignoriert,
an der kreuzung nebenan gibt es 2 türkische möbelläden,
wo man geld umschlagen kann, in meinem haus wohnt ein nazi,
auf meiner etage ein schwules paar, das einen bienenstock auf dem dach
hat.
die unter mir verteilen gerettete lebensmittel,
die zwei unter mir hassen laute musik und uns.

ich bin die neu zugezogene nachbarin, mit akzent, mit vorurteilen,
mit ausleihbarer küchenmaschine, mit dem richigen namen, in gutem
alter, ohne kinder, eher grau. wenn ihr mich aufnehmt,
back ich dafür kekse.

Der Text entstand im Rahmen des Literatur-Pop-Up-Stores von 9. bis 13.12.2019 im Literaturforum im Brecht-Haus, bei dem die Autor*innengruppe „Literatur für das, was passiert“ gegen eine Spende an PRO ASYL Texte in Auftrag genommen und auf Schreibmaschinen verfasst hat.

Weitergehen

Cafés

Die Männer, die vor den Cafés saßen oder gerade beim Fleischer oder im Gemüsesupermarkt fürs Wochenende eingekauft haben, betreten den Gang. Man drückt sich seinem Ende entgegen…

Vater

In der Mitte steht eine schwarzhaarige Familie (Mutter, Vater, Kind), um sie herum eine hellhaarige Familie (ebenfalls Mutter, Vater, Kind).

Kotti

Die Zweieinhalbzimmerwohnung befinde sich mitten in Kreuzberg, im Partykiez, wie es in der Anzeige hieß, in der Nähe vom Kottbusser Tor…

Kreuzung

darüber weißes Rauschen lässt auf Winterpigmente schließen, als er die Kreuzung erreicht

Gentrifizierung

Mit zunehmender Entmischung und Gentrifizierung bleiben schließlich einige wenige benachteiligte Stadtgebiete zurück, in denen aufgrund mangelnder Ressourcen nachbarschaftliche Beziehungen umso wichtiger zur Bewältigung des Alltags und für den sozialen Austausch werden.

Geld

„Bitte, vielen Dank. Ich gebe dir Geld“, sagt er und macht einen Schritt zur Kasse.

Nazi

…vor allem männlicher Teenager, die die Jahre nach 89/90 damit verbrachten, Drogen zu nehmen, Nazis zu verprügeln und zu Techno zu tanzen.

schwul

Die beiden Romane, der eine aus der Sicht eines afroamerikanischen DJs, der andere aus der eines Schwarzen, schwulen Buchliebhabers erzählt, haben mehrere Gemeinsamkeiten…

laute Musik

Nach allem, was mir in den letzten Jahren an Lärm zu Ohren gekommen ist, ist es das reinste Glück.

Kiez

In den Wochen des zweiten Lockdowns seit November (den ersten habe ich im Süden Deutschlands verbracht) erlebe ich nun zum ersten Mal in Berlin mit, wie ein Kiez immer stiller wird…

Wedding

Berlin — Wedding: Aber auch an die Zeit in der die Fenster unserer Parterre-Wohnung nachts geschlossen blieben, wegen eines Stalkers.

Kinderwagen

Das Kind saß noch im Kinderwagen. Oder der Mann trug es in einem Umhängetuch an der Brust vor sich her.

Etage

Gleich stürzen sie mit dem Bett eine Etage tiefer. Derart wild treiben sie’s!

mitte

Die drei hier flüchtig beschriebenen Begegnungen sind in der Tat solche mit Kunstwerken, die im Rahmen der Neugestaltung der Ostberliner Mitte von den späten 1960er bis in die 1980er Jahre hinein entstanden.

kreuzberg

Fast genau zwei Jahre später, an einem frühlingshaften Sonntag im Februar 2021, fahre ich von Kreuzberg aus in die Kyritzer Straße…

Warum bin ich immer der Nachbar derer,
die ich bange zwingend zu singen
und zu sagen: Das Leben ist schwerer
als die Schwere von allen Dingen.

Rainer Maria Rilke, Der Nachbar, 1902/03

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu auch Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.