Einen neuen Comic kann man sich (wie eine neue Stadt auch) auf verschiedenen Wegen erschließen. Mitten rein in das Gewühl und sich treiben lassen oder aber aufmerksam die kleinen Fährten studieren, die das Werk selbst rahmen und verorten. Maki Shimizus 2021 publizierter, fast 400 Seiten starker Comic-Roman Über Leben bietet sich für beide Herangehensweisen hervorragend an. In der Hoffnung, dass möglichst viele Lesende die Immersionserfahrung der ersten Option im Anschluss an diese Lektüre noch erleben werden (Voraussetzung dafür sind der Comic in den Händen und die Bilder – im Plural! – vor Augen), wähle ich an dieser Stelle die zweite Option: Zu den sogenannten paratextuellen Hinweisen, mit denen sich ein Werk kontextualisieren lässt, gehören z. B. Interviews mit Autor*innen, Klappentexte, Untertitel, der Geschichte vorangestellte Mottos/Zitate und Widmungen. Werfen wir also in willkürlicher Reihenfolge einen Blick auf drei solcher paratextueller Indizien, um diese als Zugänge zum Comic im Allgemeinen und zu den in der Überschrift angekündigten Themen im Besonderen zu nutzen: a) die Danksagung, b) den Titel und Klappentext und c) die Widmung.

a) Auf der vorletzten Seite von Über Leben bedankt sich die Autorin Maki Shimizu, wie es Usus ist, bei Comic-Kolleg*innen und anderen Weggefährt*innen. An siebter Stelle der alphabetisch geordneten Liste fügt sich eine Danksagung organisch gut ein, obwohl sie generisch aus der Reihe tanzt: Ein „liebe[r] Dank“ (von vielen) geht hier nämlich nicht an einen Menschen sondern an „Berlin“. Dieser paratextuelle Hinweis ist ein erstes Indiz für den großen Stellenwert der Stadt für Shimizu und ihr Werk; auch innerhalb der Diegese ist Berlin nicht lediglich Kulisse, sondern ständiger Subtext mit Eigenleben: Würden wir als Lesende bzw. Betrachtende den Versuch unternehmen, die vordergründige Handlung zu ignorieren und uns bei der Lektüre ‚nur‘ auf die Bilder der Stadt konzentrieren, würde der Comic uns gleichwohl viel verraten. Über Leben ist ein Berlin-Spaziergang, der synästhetisch (also in einer Kombination und Transportation von Sinnesreizen) von den Gerüchen, Geräuschen, Geschmäckern, Gebäuden und Gestalten Berlins erzählt. Das funktioniert zum einen durch detailliert ausgestaltete Panels, die Innen- und Straßenszenen zeigen. Sie geben z. B. einen Eindruck davon, welche Bilder zwecks Inspiration über den Arbeitstischen in Berliner Comic-Ateliers hängen, wie eine Hertha-Kneipe von innen aussieht, was für Parolen auf Neuköllner Litfaßsäulen gesprüht sind, welchen besonderen Charakter abgerockte Gründerzeithauseingänge und verregnete Hinterhöfe besitzen oder wie kontemplativ die Stimmung am nächtlichen Landwehrkanal sein kann. Ganzseitige Panels sorgen immer wieder für eine Verlangsamung des Leserhythmus, die die Aufmerksamkeit auf das Setting lenkt. Stadt und Panels sind bevölkert von Berliner Urgestalten, bizarren Strichmännchen-Kreaturen und anthropomorphen Wesen, die durch Optik und Namengebung auf Berliner Institutionen, auf Figuren aus der Comicgeschichte oder beides zugleich rekurrieren: Die als Hausmeister tätige Robbe hat ein Kind namens Wientje, eine Anspielung auf die in Berlin omnipräsenten Pritschenwagen der Firma Robben & Wientjes (und mit ihr ‚über Bande‘ eine Anspielung auf Umzüge und Gentrifizierung). Das Obdachlosenduo Polek und Jolek fungiert als ironische Berliner Variante der bekannten polnischen Comicfiguren Lolek und Bolek; in der Obdachlosenunterkunft arbeiten punkige Versionen der Mumin-Figuren. Und die ehemalige Bürgermeisterin, jetzt Bundeskinderministerin Barbalulu ist eine Hommage an die Barbapapas, die französische Kultcomicserie aus den 1970er Jahren, die u. a. in Japan euphorisch rezipiert wurde. Dass Barbalulu einen ähnlichen Werdegang (und Kleidungsstil) wie die ehemalige Neuköllner Bezirksbürgermeisterin und heutige Familienministerin Franziska Giffey hat, ist sicherlich kein Zufall. Wie Berlin (innerhalb des Rings) schmeckt, riecht und klingt, lässt sich ebenfalls auch ohne genaues Plot-Studium erahnen. Dafür sorgen Panels, in denen etwa Sternburg-Flaschen mit leicht dekonstruiertem Design, Müsli mit Hafermilch, die Suppenküche im Obdachlosenheim (mit veganer Option), die Berlin-Klassiker Currywurst und Döner oder auch Falafel und Baba Ghanoush prominent oder subtil in Szene gesetzt werden. Mit Lettering und Lautmalerei werden Geräusche und Gerüche der Stadt nachvollziehbar; Zigarettenrauch etwa formt in runden Rauchschwaden das Wort „SFOO“, das sich im ganzen Panel breitmacht. Form, Größe, Ausdehnung und Klang der Buchstaben vermitteln also zugleich einen visuellen, olfaktorischen und auditiven Eindruck. Nicht selten sind ganze Panels mit dicken Lettern überschrieben; Lautmalerei und Text drängen sich förmlich auf. So werden Lautstärke und Emotion ausgedrückt; Schrift wird zu Bild.

b) Über Leben ist also ein Berlin-Roman über das Leben; er könnte auch Über Berlin heißen – wäre dann nicht das Wortspiel futsch (geht es um das Leben oder das Überleben oder eben um beides?), das via Titel eine weitere Präferenz der Autorin ankündigt: Shimizu zelebriert das Mehrdeutige, Verspielte und Rätselhafte und widmet sich mit Vorliebe den kleinen Details. „Auf der Straße sieht man die Geschichten, die nicht geschrieben wurden“, lautet eine der Kapitelüberschriften innerhalb des Comics; die Autorin macht es sich zur Aufgabe, viele dieser von der Straße aufgelesenen Geschichten zumindest (und sei es auch nur durch eine visuell angedeutete Hintergrundhandlung) anzuteasern. Das macht es auch zu so einer Herausforderung, den Comic eindeutig zu verorten. Wovon handelt die Geschichte? Der Klappentext kündigt an, „es geht um Tod und Mord, um Gentrifizierung und Obdachlosigkeit, um häusliche Gewalt und Kindesmissbrauch … aber auch um Liebe und Tiefe“. Dass er statt einer kurzen thematischen Zuordnung oder Zusammenfassung eine eher assoziative Liste liefert, ist kein Zufall. Die Geschichte um den Kater Adagio (Comiczeichner und Masseur), der im Laufe der Erzählung mit Mietpreiserhöhungen, diversen extremen Traumata, dem Tod seiner Freundin Maki-Maus und weiteren Kriminalfällen konfrontiert wird, durch eine Kette unglücklicher Umstände für eine Weile auf der Straße landet und sich dort mit einem „hellriechenden“ (statt hellsehenden) Obdachlosen in Hundegestalt anfreundet (der ebenfalls sein sprichwörtliches Päckchen zu tragen) hat, entzieht sich einfachen Kategorisierungen oder Genrezuschreibungen. Ein bisschen Krimi ist dabei, viel Psychoanalyse und Poesie, detaillierte Milieustudien und eine Freundschafts- und Liebesgeschichte: Über Leben ist ein Hybrid, das sich (siehe Klappentext) am besten mit assoziativen Listen einfangen lässt, ein überaus postmoderner Roman. Man könnte auch mit den Worten des Semiotikers Roland Barthes von einem texte scriptible (also einem schreibbaren Text) sprechen, der die Lesenden durch die Kombination unterschiedlichster Handlungsstränge und Zeichensysteme, die wilde Mixtur diverser stilistischer Register, die zahlreichen intertextuellen und interpiktorialen Verweise, den ludischen Umgang mit Worten und die, wie Stolpersteine, eingefügten Kinderzeichnungen und Kurzberichte von Traumata zum Ende jedes Kapitels, in ihren Lese- und Dechiffrierkompetenzen fordert. Die Lesenden schreiben den Text folglich mit. Texte lisible aka Eskapismus geht anders.

c) Weder die aktuellen Berliner Mentalitäten noch die großen Sinnfragen des Lebens und Überlebens und erst recht nicht der Umgang mit schweren Traumata lassen sich also einfach in Wort, Bild und Plot fassen, da braucht es vielfältige Zugänge. Zum postmodernen Programm von Bricolage-, Zitat‑, und Spielästhetik, in dem Vollständigkeit und Authentizität durch Vieldeutigkeit und Ambivalenz angestrebt werden, passt der dritte paratextuelle Hinweis: Die Widmung, die dem Prolog und dem ersten Kapitel vorangestellt und mit der Signatur der Autorin versehen ist, lautet: „Für meine Kindheit im Erwachsenen Alter“. Der Dialog zwischen der kindlichen und der erwachsenen Autorpersona, der durch diese lyrisch anmutende paratextuelle Widmung insinuiert wird, trägt gemeinsam mit anderen (para- und intratextuellen) Hinweisen dazu bei, dass wir die Autorpersona in das Werk hineinlesen. So wie sie schon in der Widmung verdoppelt (also ein Vielfaches ist), finden wir im Roman selbst eine Reihe autofiktionaler Alter Egos: Der Kater Adagio ist wie die Autorin Comiczeichner (und zeichnet sogar an einem Comic über die Prostata, wie Shimizu es in Liebe Lust Prostata zum Szenario von Fritz Zimmermann getan hat), er verdingt sich außerdem als Masseur (wie Shimizu), seine beste Freundin heißt Maki-Maus (so ähnlich wie Shimizu). Die Autorin selbst erzählt in Interviews von jugendlichen Nächten auf der Straße und bestätigt, dass sich auch in den anderen Figuren autobiografische Elemente wiederfänden.1 Die Autofiktion, Neologismus aus dem Präfix Auto (griechisch: Selbst-) und Fiktion (1977 von Serge Doubrovsky in seiner Autofiktion Fils als Begriff etabliert), ist ein wiederkehrendes Element postmoderner Erzählungen, in denen Identitäten nicht als in Stein gemeißelte Entitäten, sondern als fluide Konstruktionen verstanden werden. D. h. dass autobiografisches Material fröhlich verschiedensten Figuren in die Münder, Sprech- oder Denkblasen gelegt werden kann; Verweise auf reale Ereignisse (in diesem Fall aus dem Berlin der 2020er Jahre) verfremdet oder überspitzt wiedergegeben werden können, und dem Spiel mit leichten Verschiebungen nicht nur sprachlich (aus Karstadt am Hermannplatz wird Kackstadt) und visuell (aus dem Hausmeister wird eine Robbe), sondern auch in Bezug auf Identitätskonzepte gefrönt werden kann. Die Lesenden werden so (über das Erleben der generischen Kriminalgeschichte hinaus) zu Detektiv*innen, die verschiedenen Fährten in real life folgen und sich z. B. folgenden Fragen widmen können: Was hat es mit dem immer mal wieder zitierten Prostata-Comic auf sich? Warum sind diese Zeichnungen die einzigen kolorierten? Wurden in Neukölln tatsächlich mal Stolpersteine geklaut? Die Anspielungen auf und Verschiebungen und Veruneindeutigungen von Fakten und biografischem Material sind hier mehr als bloßer Selbstzweck oder bloße Lust am Text (wieder Barthes). Sie machen den Comic durch die vielfältigen Unterbrechungen, Umwege und Abzweigungen, die die detektivische Lektüre nehmen kann, besonders vielschichtig und laden zur Reflexion ein, da sie die Aufmerksamkeit der Lesenden auf die verfremdeten Details lenken. Über Leben ist also nicht bloß aufgrund der detaillierten Berlin-Bilder ein Spaziergang durch Berliner Nachbarschaften und Mentalitäten; auch das postmoderne Programm lädt zu einer flanierenden Lektüre ein.

Maki Shimizu (2021): Über Leben. Jaja Verlag, Berlin, S. 370.

  1. Vgl. z. B. folgende lesenswerte Rezension von Sophia Zessnik: https://taz.de/Berlin-Comic-von-Maki-Shimizu/!5789931/.

Weitergehen

Klappentext

Hast Du von Klappentexten gehört?

Geruch

[I]hm [fiel] der eigentümliche Neuköllner Geruch auf, es roch nach Armut, ungewaschenen Körpern, billigem Parfum, fettigem Fleisch, Gummi und Klebstoff.

Geräusche

…regelmäßig höre ich nur die Nachbarn unter mir, wenn sie mit ihrem Hund rausgehen, dazu ab und zu ein paar Geräusche unten aus dem Hof von der Müllabfuhr und den Paketboten.

Gebäude

Im Februar 2019 brachte die Hellersdorfer Wohnungsgenossenschaft Grüne Mitte das Gedicht avenidas von Eugen Gomringer an der Fassade eines ihrer Gebäude in der Kyritzer Straße an.

Spaziergang

Auf zwei Aspekte kann man am Ende dieses kurzen Spaziergangs durch Gabriele Tergits journalistische und literarische Nachbarschaften verweisen…

Geschmack

Und immer, wenn die Assoziationen wieder und wieder und wieder geschmolzen sind, bleibt die Nachbarschaft zurück: Restmüllcontainer, Vanille-Blaubeer-Geschmack, unverbindliches Grußgenicke.

Landwehrkanal

… Kreuzburger, Bateau Ivre, Rocco und seine Brüder, das Leseglück, Heiße Scheiben, der Landwehrkanal…

Hausmeister

Sie kennt den Sklaven- und Drogenhandel des Hausmeisters und das Desinteresse der Behörden und der Polizei.

Gentrifizierung

das ruft ein bisschen neid hervor. aber auch schadenfreude. weil gentrifizierung, nee

Hafermilch

… und neue cafés mit kaffees und hafermilch.

Buchstabe

… gut sichtbar nicht nur bei Tageslicht, sondern auch nachts, wenn sich die Buchstaben, von ihrer Rückseite her illuminiert, in einen beleuchteten Schriftzug verwandeln.

Tod

Die Freunde aber waren von seiner literarischen Qualität überzeugt, sodass der Blog nach dem Tod des Autors als Buch erschien.

Roland Barthes

In beiden Fällen ist die Begegnung für den weiteren Verlauf des Plots von eher geringer Bedeutung, bewirkt jedoch einen gewissen „Realitätseffekt“ (Roland Barthes)…

Alter Ego

Umso mehr erscheint sie als ‚Nächste‘: als Alter Ego des Protagonisten, in untrennbarer Nähe zu seinem Ich, dessen Identität in diesem Roman durchweg zur Debatte steht.

Identität

Nicht der Führer war ihm wichtig, sondern diese neue Zukunft, die ihm versprochen worden war, diese utopische Identität, diese Größe, dieses Auserwähltsein, diese Gottgleichheit.

Kein Nachbar ist der Beste.

Wander, Deutsches Sprichwörter-Lexikon, 1873

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu auch Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.