Liebe Kilou,

manche Menschen fragen sich, was ihre Katze eigentlich den ganzen Tag macht.

Erwischt! Du schläfst die meiste Zeit.

Soll ich Dir mal erzählen, was ich so treibe? (Zumindest, wenn ich die Wohnung verlasse, sonst weißt Du ja, wie ich dasitze oder liege.)

Okay. Zuerst muss ich Dir erklären, was queer ist.

Weißt Du, draußen gibt es Häuser aus Duft und aus Licht.

Wir leben in einem Bezirk, der nach warmem Kaffee riecht.

Lange war er im amerikanischen Sektor West-Berlins. Das ist wichtig zu wissen, denn das erklärt einiges. Damals war der französische Sektor ziemlich unspektakulär. In den Neunzigern bin ich genau dort in Berlin-Frohnau als Au-pair gelandet und fand die schicken Wohnsiedlungen nicht richtig Punk. Es war trotzdem schön. Es duftete nach Kastanien. Die Sonne lag mitten auf dem Bürgersteig. Es raschelte im Laub. Doch die zahlreichen Lokale der schwulen und der lesbischen/feministischen Subkulturen waren alle im US-amerikanischen Sektor angesiedelt.

Stell Dir mal vor: In den 1980er Jahren gab es hier 44 Frauentreffpunkte, drei Frauenbuchläden, Galerien, Restaurants, Cafés, ein Kino für Frauen. Tag und Nacht konnten sie unter Frauen sein. Nur einen Katzensprung voneinander entfernt standen die Läden PELZE-multimedia – ein Raum für Künstlerinnen mit Darkroom und SM-Gelagen – und die Begine, das Frauencafé, das heute noch existiert. In der Begine saßen die Good Girls und im PELZE die Bad Girls, habe ich von Manuela Kay gehört.

Ich will Dir mal von einer Performance erzählen. Wir haben das Jahr 1988. Mahide Lein und Guy St. Louis sind im PELZE. Während St. Louis dem Publikum Pralinen serviert, steht Lein am Mikrofon und wiederholt den Satz: „Help me please, help me please, I’m dying, I killed myself.“ Diesen Satz hat sie von einer Frau, die sich wirklich das Leben genommen hatte, täglich 20- oder 30-mal gehört, ein halbes Jahr lang. Das heißt 180 mal 20 sind … So oft hat sie diesen Satz gehört. Es sind vielleicht fünfzig Frauen im Raum, vielleicht mehr, es ist ein hundert Quadratmeter großer Raum mit anthrazitfarbenem Linoleumboden und fünf Meter hohen Decken. Während Lein in Loop spricht „Help me please, help me please, I’m dying, I killed myself“, bietet St. Louis auf einem goldenen Tablett die Pralinen an. Nur waren es keine Pralinen, sondern Schweineaugen.

Auch die Schwulen hatten ihre Lokale. Das Café Anderes Ufer in der Hauptstraße in Schöneberg, das SchwuZ in der Kulmer Straße 20a; praktisch war das fußläufig zu erreichen, das war die Strecke, die sie täglich mehrmals gegangen sind. Bernd Gaiser hat mir erzählt, dass es damals gleich zwei schwule Autorengruppen gab: den Schwulen Literarischen Salon und die schwul/literarische Werkstatt, kurz SchwulLit. Der Salon formierte sich im Jahr 1977 (das Jahr meiner Geburt) und die SchwulLit zwei Jahre später. Bis in die frühen 1980er Jahre traten sie mit Lyrik und Prosa in schwulen Cafés und Bars auf, gelegentlich in der Pause von Travestieshows. Hast Du von Klappentexten gehört? Manche dieser Autoren gingen mit Fotoapparaten auf öffentliche Toiletten und knipsten Bilder von den Sprüchen und Graffitis an der Wand, um sie dann als literarische Readymades vorzutragen. Ein junger Mann hat eigene Gedichte geschrieben, Schablonen davon hergestellt und sie mit Farb-Spraydosen gesprüht. Bis er erwischt wurde. Und dann wurde er wegen Beschädigung öffentlichen Eigentums angeklagt. Er musste wegen eines Gedichts, das er in einer Klappe an die Wand gesprüht hatte, tausend Mark Strafe bezahlen.

Es tut mir leid, liebe Miez. Ich weiß, wie wild Du auf Madeleines bist (sicherlich wegen der Butter?). Aber sind nicht auch Marcel Prousts Madeleines Allegorien des Cruisens? Prousts Zeit war für seine Queerness nicht reif. Gebäck in Tee getunkt, die dadurch geweckten Erinnerungen an Vergangenes, dabei könnte es sich in Wirklichkeit um Brot gehandelt haben, das, ähm, in Urin getunkt wurde. Auf dem Madeleine-Platz in Paris wurde 1905 als erstes Gebäude dieser Art in Frankreich eine öffentliche Latrine – auf Französisch tasse – nach dem Vorbild der seit 1880 in England existierenden Bedürfnisanstalten gebaut. Lackiertes Mahagoni für die Türen und Täfelungen, Buntglasfenster, gemusterte Keramik, Mosaike und Messingarmaturen. Damals gab es in diesen „Tassen“ die schwule Praxis der soupeurs: ein Stück Baguette wurde unter einem Urinal zurückgelassen und später, mit Pisse getränkt, wieder abgeholt und verzehrt. Nun wohnte Marcel Proust in der Nähe der tasse auf dem Place de la Madeleine und konnte dem beiwohnen.

Weißt Du, damals musste man sich verstecken, man durfte nicht auffallen. Manche haben sich das Leben genommen, sind aus dem Fenster gesprungen, andere sind später an HIV gestorben.

Aber zurück zu unserem Kiez. Einige dieser Lokale existieren noch. Weitere sind dazugekommen. In unserer Straße: Gelb geziegelt steht hier seit Kurzem Oyoun (arabisch für ‚Augen‘ oder ‚Blick‘) als Nachfolger der Werkstatt der Kulturen. Ein künstlerisch-kulturelles Projekt aus migrantischen, dekolonialen und queer*feministischen Perspektiven. Dort sind die Toiletten nicht nach Geschlechtern getrennt, sondern so ausgeschildert: „Sitzen“ oder „Sitzen/Stehen“.

Unter dem Pflaster der Sand. Die Sonne steht direkt an den Fassaden.

Weit und breit erstreckt sich die Hasenheide, egal ob frisch oder als Heu, das so wunderbar duftet. Hier gibt es Hasen und Ponys und Dromedare und viele Eichhörnchen. Du solltest die Eichhörnchen sehen, mit ihren buschigen Schwänzen. Manchmal werde ich zum Essen eingeladen und darf zusehen, wie eines der Nagerchen an einer Haselnuss knabbert, die in seinen Augen riesig wie eine Kanonenkugel sein muss. Dann huscht es zu einer Eiche und klettert den Stamm hinauf. Mal hakt es seine Krallen in die Baumrinde und versteinert auf halber Höhe. Einschnitt – kurze Pause – Zäsur. Welches Gedicht schnitzt es da?

Ursula K. Le Guin und Vinciane Despret haben die Literatur von nichtmenschlichen Tieren erforscht. Pamphlete von Ameisen, Gedichte von Oktopussen. Die einen schreiben mit Pheromonen auf Akaziensamen, die anderen mit Tinte ins Wasser ephemere Botschaften wie auf Snapchat. Schließlich ist es so: Hunde singen, Pottwale haben Klicklaute, der Pistolenkrebs erzeugt einen Knall von einer Lautstärke über 220 Dezibel (zum Vergleich: ein Rettungswagen ist 120 Dezibel laut und ein startender Düsenjet 130 Dezibel). Wer weiß, was unter Katzen und Eichhörnchen als Literatur gilt?

Ein Herz in der Rinde gleicht aber einer Wunde für die Buche.

Lass mich Dir von Nastassja Martin erzählen. In Sibirien zerbiss ihr ein Bär das Gesicht. Auf seinem Pelz ihr Blut, um sie herum blutverklebte braune Fellbüschel. Im Buch An das Wilde glauben beschreibt sie, wie beide etwas im Körper des anderen verloren haben, wie beide nun überleben müssen, er ohne sie, sie ohne ihn, wie sie weiterleben müssen mit dem, was sie gegenseitig in ihrem Körper hinterlassen haben.

Ob ich ein Teil von Dir werde, und Du ein Teil von mir, wenn Du meine Hand leckst? Kilou, in Deinen Augen habe ich mich nach der Transition nicht verändert. Trotz Bartwuchs, trotz meiner Stimme, die über Nacht eine Oktave tiefer geworden ist. Du verwendest für mich immer das richtige Pronomen. In Deinen Augen gleiche ich mir wie ein Wassertropfen dem anderen. Du lauerst gern auf einen Tropfen, der sich am Wasserhahn bildet. Platsch, er stürzt, Du fängst ihn im Flug auf. Was dichtest Du damit? Was wassertropfst du? Pamphletierst Du, indem Du mich mit der Nase anstupst? Deinen Geruch mit meinem vermischst?

Verzeih bitte mein Umherschweifen. Ich vagabundiere. Ich dériviere. So nähere ich mich der Stadt. In psychogeographischer Feldforschung.

Zurück in die Hasenheide:

Irgendwo im Park gibt es eine FKK-Wiese (wo Menschen nackt oder fast nackt sind). Die Büsche rundherum werden von Männern als Ort für Cruising und Sex genutzt, habe ich gehört. Die Sonne blitzt durch die Äste der Bäume, deren Namen ich nicht kenne (Wildbirne, Vogelkirsche und Traubeneiche). Durch den Strauch, durch das filigrane Geäst fällt das Licht ein, macht schöne Schattenspiele auf der Haut. An manchen Stellen wirkt das Licht wie eine natürliche Discokugel. Manchmal sitzt Vaginal Davis in der Mitte, habe ich gehört, wie die Göttin, die über den Ort wacht. Das Stöhnen der anderen sext an, habe ich gehört. Im Corona-Lockdown waren die Clubs, Saunen, Darkrooms geschloßen und bam, kam die alte Cruising-Praxis zurück. Kleine Gruppen queerer Männer haben kleine Lautsprecher auf die Wiese gebracht, es wurde gecruist, getanzt. Dann kamen andere Menschen mit riesigen Boxen hinzu. Mitten im homonormativen Sektor wurde eine heterosexuelle Geburtstagsparty gefeiert. Der ganze Park wurde zugemüllt. Flaschenkadaver in Gänseblümchen. Nun fährt alle fünf Minuten ein Polizeiwagen durch unseren Park.

Aber hey, unsere Straße wurde umbenannt. Bye Wissmann! Hi Lucy Lameck! Wir sind umgezogen, ohne Umzugskartons. In der Tat ergibt es keinen Sinn, dass es in Grunewald immer noch eine Wissmannstraße gibt, benannt nach dem Reichskommissar von damals Deutsch-Ostafrika, dessen Kriegsführung selbst von den Kollegen Kolonialoffizieren als brutal und barbarisch beschrieben wurde. Vielleicht ist es das, was Jacques Derrida différance nennt. Die Produktion des Differierens im doppelten Sinne des Wortes (différer – aufschieben/ voneinander verschieden sein). In puncto Straßenumbenennung differiert der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf einfach nur.

Was ist also queer?

Queer ist ein ultramoderner Kurort, der nach einem mittelalterlichen Fürsten heißt.

Queer ist, einem Eichhörnchen einen Schuhlöffel zu schenken, aber ohne Fußtuning verwendet das Tier den Schuhlöffel als Rutschbahn.

So, kleine Kilou, jetzt komme und fluffy ich Dich mal.

Dein Jayrôme

Literatur
Guy Debord: „Theory of the Dérive“, in: Internationale Situationniste #2 (1958).
Jacques Derrida: Die Schrift und die Differenz, aus dem Französischen von Rodolphe Gasché und Ulrich Köppen, Frankfurt a. M. 2000.
Vinciane Despret: Autobiographie d’un poulpe, Arles 2021.
Ursula K. Le Guin: „The Author of the Acacia Seeds“, in: dies.: The Compass Rose, Hillsdale, NY 1983.
Marc Martin: Les tasses. Toilettes publiques, affaires privées, Paris 2019.
Nastassja Martin: An das Wilde glauben, aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer, Berlin 2021.
Jayrôme C. Robinet: „Lecken, lecken. Queerer Spoken Word in West-Berlin der 1970er und 1980er Jahre“, in Jenny Schrödl/Eike Wittrock (Hg.): Theater* in queerem Alltag und Aktivismus der 1970er und 1980er Jahre, Berlin 2021 [im Erscheinen].
Jayrôme C. Robinet: „Geniale Geneal(l)ogie. Meine Spoken-Word-Vorfahr*innen“, in: Heinz-Jürgen Voß (Hg.): Westberlin – ein sexuelles Porträt, Gießen 2021.

Weitergehen

Katze

Da sah ich die Katzen mit Putzi schon Fußballspielen oder ihn in Stücke reißen…

queer

[L]ike most American queers in West Berlin, I was in love with Weimar culture.

Kaffee

weil gentrifizierung, nee
und neue cafés mit kaffees und hafermilch.

Kastanien

Ihm aus dem Fenster nachzusehn wie von Bäumen, Abgang im Kastanienhagel

Decken

Im folgenden Winter heizte K. ihn so, dass sich seine Decke um ein paar Zentimeter anhob.

schwul

Die beiden Romane, der eine aus der Sicht eines afroamerikanischen DJs, der andere aus der eines Schwarzen, schwulen Buchliebhabers erzählt…

lesbisch

Die Frau hatte, während man über mir wohnte, ihre lesbische Neigung entdeckt. Oder sie hatte sich zu ihr bekannt.

Café

Die Männer, die vor den Cafés saßen oder gerade beim Fleischer oder im Gemüsesupermarkt fürs Wochenende eingekauft haben, betreten den Gang.

öffentlich

Wandbild und Formsteine bespielen eindeutig den öffentlichen Raum: Ihre Wirkung entsteht erst, indem sie in die Öffentlichkeit eingreifen und sie mitgestalten…

Hunde

Hundebesitzer erkennen einander an ihren Hunden, die sie auf offener Straße an langen Leinen durch den Kiez führen.

Bäume

Bäume, eine etwas zertrampelte Rasenfläche, ein Spielplatz. Der Kontrast zur monumentalen Breite der Verkehrsstraße ist groß.

Lockdown

Ringsum ist es ruhig: kaum Autoverkehr, nur vereinzelt kommen Passanten des Wegs, über allem liegt die Stille eines Wochenendes im Lockdown.

Park

Bürger*innen-Initiativen kümmern sich um die Neugestaltung von Plätzen und Parks.

Fassade

Looking at all the smoothly serene façades to either side of the last unrenovated building in Prenzlauer Berg, she wanted to understand the ruinousness of renovation…

Schöneberg

Seine Wohnadressen wechseln vom bürgerlichen Charlottenburg über Zwischenstopps in Schöneberg und Friedenau zu einer Kommune, die in einem besetzten Haus beim Potsdamer Platz angesiedelt ist…

Tablett

Als sie schon mit dem nächsten Tablett nach hinten gegangen war, platzierte ich heimlich den davidartigen Hitler in einer Szene neben den goliathhaften Funker und erlebte die Millisekunde einer Satire.

Linoleum

Und dann dazwischen ein Hauch von frisch gewachstem Linoleum.

Brot

Von der Einheitspartei festgelegt wie die Preise für Brot, Butter, Milch.

Stimme

…als er siegreich, doch geschwächt im Sessel sitzt und auf den Arzt wartet, nicht sicher, ob er im Hintergrund tatsächlich Lieschens Stimme hört…

Ufer

Wenn ich mich neben das Kreuz ans Ufer setze, habe ich einen schönen Überblick über die wenigen Schiffe, die hier zwischen Spandau und Mitte verkehren.

Ein guter Nachbar ist das halbe Leben.

Wander, Deutsches Sprichwörter-Lexikon, 1873

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu auch Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.