Relationen der Nähe und Nachbarschaft in afroamerikanischen Berlin-Romanen der Gegenwart

Afroamerikanische Autor*innen fühlen sich Deutschland – und insbesondere der deutschen Bundeshauptstadt – näher, als man glaubt. Diese These und die überraschend unterschiedlichen historischen, politischen und kulturellen Konstellationen, anhand derer sie sich belegen lässt, ist mit den Namen einiger der einflussreichsten afroamerikanischen Denker*innen verknüpft: mit W.E.B. Du Bois, der in den 1890ern in Berlin studierte1 und in seiner Zeit in Deutschland die Bedeutung von „Wine, Women, and Song“2 entdeckte; mit Alain Locke – dem ‚Dean‘ der Harlem Renaissance – und Claude McKay – einem ihrer berühmtesten Repräsentanten –, die 1923 bei einem Spaziergang durch den Berliner Tiergarten ihre differierenden Visionen einer afroamerikanischen Ästhetik über den Rückgriff auf deutsche (männliche) Künstler diskutierten;3 mit William Gardner Smith, der seine Erfahrungen als kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin stationierter Soldat einer nach ‚Rassen‘ segregierten US-Armee fiktionalisiert in seinem Roman The Last of the Conquerors (1948) verarbeitete; mit Audre Lorde, die ab 1984 regelmäßig Gastprofessorin an der FU war und zur Impulsgeberin der sich formierenden afrodeutschen Bewegung wurde; etc.
Blickt man in die afroamerikanische Literatur der Gegenwart, so stechen zwei Romane ins Auge, in denen Berlin als zentraler Schauplatz fungiert: Paul Beattys Slumberland (2008, deutsch 2009) und Darryl Pinckneys Black Deutschland (2016, unübersetzt). Die beiden Romane, der eine aus der Sicht eines afroamerikanischen DJs, der andere aus der eines Schwarzen, schwulen Buchliebhabers erzählt, haben mehrere Gemeinsamkeiten: Sie teilen zum einen den Ort, zu dem ihre Protagonisten auf der Suche nach einer verschwundenen Jazz-Ikone namens The Schwa bzw. in der Hoffnung auf homoerotische Liebesabenteuer im Stil von Christopher Isherwoods Erfahrungen zur Zeit der Weimarer Republik aufbrechen. Zum anderen verbindet sie auch ihr zeitliches Setting: Sie sind beide (großteils) in West-Berlin kurz vor und unmittelbar nach dem Mauerfall angesiedelt und beziehen sich auf die außergewöhnlichen politischen Entwicklungen der Wendezeit, auf kulturelle und soziale Spezifika des Lebens in der ‚Insel-Stadt‘ West-Berlin, wie auch auf konkrete Berliner Kieze und Milieus.

1. Orte
Im Zentrum des Geschehens in Slumberland steht die titelgebende und faktisch existierende Slumberland Bar4 am Winterfeldtplatz. Der Protagonist nimmt dort seine Tätigkeit als ‚Jukebox-Sommelier‘ auf und hofft auf das Auftauchen des mysteriösen Schwa, denn, so die Barkeeperin: „If he’s a black man, he’ll come through here sooner or later. They all do.“5 In dem für den Roman charakteristischen, ironisch-satirischen Tonfall wird die Slumberland Bar als „repressed white supremacist’s fantasy“ beschrieben, die an jedem Tisch „one or two black men sandwiched by fawning white women“ (S 59) versammelt. Neben der unmittelbaren Umgebung des Nollendorfkiezes hält sich der Protagonist auch im Bereich der City West auf, wo er eine Wohnung bezieht und Orte wie ein Sonnenstudio beim Kurfürstendamm, das Amerikahaus, den Berliner Tiergarten und den Zoo besucht. Vom Zustand Berlins als geteilter Stadt nimmt er kaum Notiz, denn: „[T]he Berlin Wall was not a part of my lexicon.“ (S 113) Das ändert sich freilich nach dem Mauerfall, als ihn regelmäßige Gigs nicht mehr nur in (meist tatsächlich existierende) Clubs in entfernteren Gegenden West‑, sondern auch Ost-Berlins führen. Einen gewissen Sonderstatus nimmt zudem ein Besuch des Telecafés im Berliner Fernsehturm ein, wo der Protagonist und seine afrodeutsche Freundin ein Dinner bei Sonnenuntergang erleben, dessen Romantik durch ironische Beschreibungen gebrochen wird: „The twilight was uniquely uninspiring. The sun looked wobbly and slumped toward the horizon like a carsick child sinking deeper and deeper into the backseat.“ (S 133)
Während die Routen der Hauptfigur in Slumberland in weiten Teilen auf den Nollendorfkiez und die City West beschränkt bleiben, lernt der Protagonist in Black Deutschland eine Vielzahl (West-)Berliner Milieus und Kieze kennen: Seine Wohnadressen wechseln vom bürgerlichen Charlottenburg über Zwischenstopps in Schöneberg und Friedenau zu einer Kommune, die in einem besetzten Haus beim Potsdamer Platz angesiedelt ist; sein Nebenjob für einen Architekten bringt ihn nach Gropiusstadt und ins Hansa-Viertel. Hinzu kommen Trips nach Dahlem, wo er einer hauptsächlich von US-Soldaten besuchten Gruppe der Anonymen Alkoholiker beitritt, sowie eine spezielle Verbundenheit mit dem Europa-Center, wo er kostenlose Bach-Konzerte besucht und eine eigenwillige Vorliebe für den Mercedes-Stern entwickelt.
Trotz des hohen Grades an Beweglichkeit quer durch verschiedene Berliner Gegenden zeigen sich aber drei Parallelen zwischen beiden Romanen: Zum einen ist auch die Hauptfigur aus Black Deutschland nur wenig an der Existenzform Berlins als geteilte Stadt interessiert: „Berlin was not a Cold War story for me.“6 Zum anderen haben beide Protagonisten eine Präferenz für den Nollendorfkiez und dessen Kneipenkultur, wobei allein der schwule Protagonist von Black Deutschland diese mit der illustren Vergangenheit der Gegend begründet: Er ist sehr versiert darin, einzelne Plätze, Straßen und Cafés als „Isherwood territory“ (BD 108) zu identifizieren und räumt freimütig ein: „[L]ike most American queers in West Berlin, I was in love with Weimar culture.“ (BD 178) Drittens schließlich gibt es für die im Zentrum des Geschehens in Slumberland stehende Bar auch in Black Deutschland ein – allerdings wohl rein fiktionales – Äquivalent: Die rund um die Uhr geöffnete und hauptsächlich von internationalen „irregulars“ (BD 283) unterschiedlicher Hautfarbe und sexueller Orientierung besuchte ChiChi Bar stellt im Verlauf des episodenhaft erzählten Romans eine gewisse Konstante dar und wird dem Protagonisten – mehr als eine seiner vielen Wohnadressen – zu einer Art Zuhause in Berlin.

2. Figuren
Interessiert man sich zunächst für die in den Texten verhandelten Formen von Nachbarschaft im engeren Wortsinn – begreift Nachbarschaft also als eher zufällig zustande gekommenes Verhältnis des Wohnens in räumlicher Nähe –, so lässt sich für beide Romane konstatieren, dass die Protagonisten auffällig viele Prominente zu ihren Westberliner Nachbarn zählen. In Slumberland sieht der Protagonist beim Blick aus dem Fenster seiner Wohnung „almost directly underneath us, two stories down, Blixa Bargeld, the infamous leader of the industrial band Einstürzende Neubauten, sitting on the fender of his sports car.“ (S 100) In Black Deutschland ist es Susan Sontag, die der Hauptfigur in einem Musikgeschäft im Europa-Center über den Weg läuft und sich in ein kurzes Gespräch verwickeln lässt. In beiden Fällen ist die Begegnung für den weiteren Verlauf des Plots von eher geringer Bedeutung, bewirkt jedoch einen gewissen „Realitätseffekt“ (Roland Barthes) und unterstützt die Wahrnehmung West-Berlins im Sinne des verbreiteten Bildes vom internationalen „Biotop der Gegenkultur“7.
Besinnt man sich darauf, dass man Nachbarschaft weiter gefasst auch als „Inbegriff zwischenmenschlicher Beziehungen […], als eine Form der Offenheit für den Anderen“8 verstehen kann, so zeigt sich als weitere Gemeinsamkeit, dass beide Protagonisten von den scheinbar liberalen, weißen Berliner*innen nur auf eine oberflächliche Art willkommen geheißen werden. Engere zwischenmenschliche Beziehungen bleiben ihnen verschlossen, oft werden sie bevormundet. Beattys Protagonist charakterisiert West-Berlin entsprechend als „a city populated entirely by Quaker abolitionists“ (S 51) und berichtet, dass seine deutschen Zufallsbekanntschaften ihn gerne darüber ‚aufklärten‘, dass sie den Jazz für ein unmittelbares Produkt – und damit implizit für eine Art Rechtfertigung – der Sklaverei hielten. Der Protagonist in Black Deutschland erlebt in deklariert linken, Kapitalismus- und US-kritischen Milieus, dass seine Hautfarbe – und nicht seine Überzeugung oder eine bestimmte Fähigkeit – ausschlaggebend für den Umgang ist, den er erfährt: Sein neuer Arbeitgeber – ein international bekannter, avantgardistischer Architekt – bietet ihm hauptsächlich deswegen einen Job an, weil er Diversität als nützlich für sein eigenes Image einschätzt. Die Bewohner*innen der Kommune wiederum interessieren sich nicht dafür, dass er nicht das erwartete politische Grundlagenwissen mitbringt, denn: „To them […] the color of my skin was my radical politics.“ (BD 178)
In Slumberland ist die Einsamkeit des Protagonisten anfänglich sogar so ausgeprägt, dass er Gefühle der Verbundenheit einzig mit einer nicht-menschlichen Lebensform entwickelt: „Those first few weeks in Berlin the closest I’d come to kinship with another life-form was with the newly imported emperor penguins at the zoo.“ (S 56) Obwohl keine Mühen gescheut werden und eigens Polareis importiert wird, um die neue Umgebung der Kaiserpinguine heimatlich zu gestalten, reagieren diese apathisch und weigern sich, die an sie gestellten „stereotyped expectations of the outside world“ (S 56) zu erfüllen. Doch so, wie es den Tieren erst besser geht, als ihnen einige Exemplare der verwandten, aber geselligeren Spezies der Felsenpinguine zur Unterstützung ins Gehege gesetzt werden, muss auch die Hauptfigur im Roman erst einem „brother“ begegnen (S 57) – dem afroamerikanischen Security Guard vor dem Amerikahaus –, um einen entscheidenden Rat zu erhalten: „You just have to let them love you.“ (S 58) Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied zu Black Deutschland: Während es Beattys heterosexuellem Protagonisten ein Leichtes ist, diesen Rat zu befolgen, so dass er sich in der pulsierenden Atmosphäre der Slumberland Bar rasch von seinem „vow against lustful miscegenation“ (S 64) verabschiedet, scheitert Pinckneys Protagonist an dem Versuch, im Berlin der 1980er Isherwoods Erfahrungen aus der Weimarer Zeit zu wiederholen. Seine anfängliche Hoffnung, dass „Berlin meant white boys who wanted to atone for Germany’s crimes by loving a black boy like me“ (BD 3), stellt sich als Illusion heraus.
Der Fall der Kaiserpinguine, die sich im Umfeld von Zoobesucher*innen, die aufdringlich an die Glasscheibe klopfen, erst im Kreis ihrer ‚Verwandten‘ entspannen, lässt sich aber auch in einer weiteren Hinsicht auf Black Deutschland übertragen. Im mehrheitlich ‚weißen‘, sich ‚abolitionistisch‘ gebenden Berlin sind es für die Protagonisten beider Romane letztlich andere People of Color, mit denen zwischenmenschliche Beziehungen von einer gewissen Tiefe möglich werden. Bei Beatty betrifft das zwei aus Ostdeutschland stammende, afrodeutsche Schwestern, deren schwieriges Schicksal als Ausgangspunkt für einen Exkurs über Afrodeutsche dient. Bei Pinckney sind es nicht nur die „silent greetings on the streets and in the cafés of Europe“ (BD 131), die den Protagonisten die Verbundenheit mit anderen „black expatriates“ spüren lässt, sondern auch die Entwicklung intensiverer Beziehungen gelingt, wenn auch oft nur für kurze Zeit, am ehesten mit anderen Menschen aus der afrikanischen Diaspora.9

3. „Übertragungen“
Neben den konkreten räumlichen und zwischenmenschlichen Erfahrungen von Nähe und Nachbarschaft nutzen beide Romane ihr Setting, um in einem abstrakteren und gleichzeitig globaleren Sinn Relationen der Nähe zwischen dem Berlin der 1980er und anderen historischen Kontexten herzustellen. Dieser Befund betrifft im Fall von Black Deutschland den Vergleich mit dem Berlin der Weimarer Zeit und die Parallelisierung der Erfahrungen des afroamerikanischen Protagonisten mit denen des Briten Christopher Isherwood. In Slumberland hingegen sind es die konkreten geschichtlichen Ereignisse von deutscher Teilung und Mauerfall sowie die Diskussionen über die bleibende ‚Mauer im Kopf‘, die in oft ironischer Manier in Parallele zur amerikanischen ‚Color Line‘ und zur optimistischen, aber nur kurze Zeit währenden Phase der ‚Reconstruction‘ (1863–1877) gesetzt werden. So wie heute zeigte sich damals, dass allein das Wegbrechen einer legalen Basis für Diskriminierung meist nicht zu deren Ende, sondern nur zu ihrer Verlagerung in andere Bereiche führte:

Germany changed. After the Wall fell it reminded me of the Reconstruction period of American history, complete with scalawags, carpetbaggers, lynch mobs, and the woefully lynched. The country had every manifestation of the post-1865 Union save Negro senators and decent peanut butter. Turn on the television and there’d be minstrel shows – tuxedoed Schauspieler in blackface acting out Showboat and literally whistling Dixie. There were the requisite whining editorials warning the public that assimilation was a dream, that the inherently lazy and shiftless East Germans would never be productive citizens. There were East Germans passing for West Germans. (S 134)

  1. Gianna Zocco: „A “MODEST MONUMENT” AWAITING COMPLETION. Gianna Zocco talks to Jean-Ulrick Désert and Dorothea Löbbermann about the W. E. B. Du Bois Memorial at the Humboldt University of Berlin“, ZfL Blog, 16.07.2020, https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2020/07/16/a‑modest-monument-awaiting-completion-gianna-zocco-talks-to-jean-ulrick-desert-and-dorothea-loebbermann-about-the-w-e-b-du-bois-memorial-at-the-humboldt-university/
  2. W. E. B. Du Bois: The Autobiography of W. E. B. Du Bois. A Soliloquy on Viewing My Life from the Last Decade of Its First Century, New York 2003 [1968], S. 159–160.
  3. Vgl. Jonathan Wipplinger: „Germany 1923: Alain Locke, Claude McKay, and the New Negro in Germany“, in: Callaloo 36/1 (2013), S. 106–123.
  4. tipBerlin Redaktion: „12 Tipps für Schöneberg: Lieblings-Restaurants & Kultur-Highlights“, TipBerlin, 31.08.2020, https://www.tip-berlin.de/stadtleben/schoeneberg-tipps-highlights-kultur-restaurant-gastronomie-kunst/
  5. Paul Beatty: Slumberland, New York 2008, S. 61. Nachweise hieraus im Folgenden mit Sigle S und Angabe der Seitenzahl direkt im Text.
  6. Darryl Pinckney: Black Deutschland, New York 2016, S. 227. Nachweise hieraus im Folgenden mit Sigle BD und Angabe der Seitenzahl direkt im Text.
  7. Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990, Frankfurt a. M. 2016, S. 25.
  8. Hanna Hamel: „Nachbarschaften. Nachlese zu den ZfL-Literaturtagen“, ZfL-Blog, 18.12.2019, https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2019/12/18/hanna-hamel-nachbarschaften-nachlese-zu-den-zfl-literaturtagen
  9. Die vergleichsweise wichtige Rolle, die Schwarze Protagonist*innen nicht amerikanischer Herkunft in beiden Romanen spielen, kann auch als Bemühen der Autoren darum gelesen werden, das Bild Berlins als einer von fast ausschließlich ‚weißen‘ Menschen bevölkerten Stadt zu widerlegen und ein afrodiasporisches Bewusstsein zu artikulieren. Es sei darauf hingewiesen, dass neben den hier behandelten afroamerikanischen Romanen gerade in jüngster Zeit auch zahlreiche fiktionale und autobiographische Texte von afrodeutschen, afrodiasporischen und afrikanischen Autor*innen erschienen sind, die ganz oder teilweise in Berlin spielen. Um nur einige Beispiele zu nennen: Michael Göttings Contrapunctus (2015), Sharon Dodua Otoos the things i am thinking while smiling politely (2012), Johny Pitts’ Afropean (2019), SchwarzRunds Biskaya (2016), Jackie Thomaes Brüder (2019) und Olivia Wenzels 1000 Serpentinen Angst (2020).

Weitergehen

Tiergarten

…those Brits I choose to hang with don’t tend to live where I do, more likely wanting to meet in a coffee house in Neukölln or under a tree in the Tiergarten.

Cold War

Much of the widespread interest in today’s German capital derives from its unique fate during the Cold War.

Mauerfall

Weil der Osten als undifferenzierter Begriff aber die unterschiedlichen historischen Wirklichkeiten von DDR, Mauerfall und Wende ineinander quirlt, fühle ich mich als Botschafterin zu lange für alles gleichermaßen zuständig.

Charlottenburg

„Drei kleine handzahme kastrierte Agouti-Buben, pro Stück 30 Euro“, heißt es in einer Anzeige aus Charlottenburg.

schwul

in meinem haus wohnt ein nazi, auf meiner etage ein schwules paar

West-Berlin

„Stadterneuerung hieß das. Kahlschlagsanierung. Altbauten abreißen und luftiger neu bauen. Nach dem Krieg wurde in West-Berlin mehr abgerissen, als während des Krieges durch Bomben zerstört wurde.“

Wendezeit

Zur Wendezeit lebte ein freundliches Paar in der Wohnung. Es bekam ebenfalls ein Kind.

crimes

To ask for help was a sin. A crime.

Einsamkeit

Die ganze Zeit muss man in sich selbst sein, in einer Einpersonenzelle, in völliger Einsamkeit.

car

The mother of the wicked child is the only one in the house with a car…

Spaziergang

Über Leben ist ein Berlin-Spaziergang, der synästhetisch (also in einer Kombination und Transportation von Sinnesreizen) von den Gerüchen, Geräuschen, Geschmäckern, Gebäuden und Gestalten Berlins erzählt.

Heimat

Brauchen Sie schnell Bargeld für einen Flug in die Heimat?

Kieze

in berlin wollense wissen, in welchem kiez du lebst.

Mauer

Its rebuilding, in turn, was forestalled by the construction of the Wall, which was erected directly east of it.

Armee

Die Weserstraße musste beim Einmarsch der Roten Armee ähnlich ausgesehen haben wie an jenem Neujahrsmorgen.

Orientierung

Es gibt keinen „brauchbaren Plan“ (78), was vor allem den Zugereisten – aus deren Perspektive wir den Ort kennenlernen – noch nach Jahren die Orientierung erschwert.

Wohnen

Der Mensch wohnt eher, als dass er lebt. Hier, in dieser Charlottenburger Wohnung, erlebte ich die Arbeit dieses Programms des Wohnens und nicht des Lebens…

Potsdamer Platz

Wer die zweieinhalb Kilometer vom Molkenmarkt hinter dem Roten Rathaus bis zum Potsdamer Platz zu Fuß geht, wird sich wahrscheinlich wünschen, lieber mit dem Taxi gefahren zu sein…

Schicksal

So war es in deinen Augen, entgegnete er. Manchmal wirft er mir vor, sein Schicksal ausgenutzt, davon profitiert zu haben.

Ästhetik

Als Gastdozent für Ästhetik lehrte dort zur selben Zeit auch der Wissenschaftstheoretiker Max Bense…

Friedenau

Vor acht Jahren sind wir nach Friedenau gezogen, fast ungewollt. Umziehen wollten wir schon, aber dass es nach Friedenau ging, war Zufall gewesen.

Fernsehturm

Man sah von hier aus nicht den Fernsehturm, und die engen Straßen strahlten jene Ruhe und Behaglichkeit aus, die Friedenau auch von Wikipedia attestiert wird.

Ost-Berlin

In diesen Jahren. 1986 oder 1987. Ost-Berlin. Alles beige. Monochrom.

Diversität

Das Leben der Protagonist*innen ist oft durch die Urbanität, Mobilität und Diversität einer postmigrantischen und globalisierten Weltordnung bestimmt.

queer

Soll ich Dir mal erzählen, was ich so treibe? (Zumindest, wenn ich die Wohnung verlasse, sonst weißt Du ja, wie ich dasitze oder liege.) Okay. Zuerst muss ich Dir erklären, was queer ist.

Schöneberg

Auch die Schwulen hatten ihre Lokale. Das Café Anderes Ufer in der Hauptstraße in Schöneberg, das SchwuZ in der Kulmer Straße 20a…

Roland Barthes

Man könnte auch mit den Worten des Semiotikers Roland Barthes von einem texte scriptible (also einem schreibbaren Text) sprechen…

Diaspora

Hier ist seit 2020 auch einer der wichtigsten Treffpunkte der belarussischen Diaspora untergebracht: der Berliner Standort von Razam e.V.

Unbesorgt wegen des Schicksals, welches vielleicht von uns selber nicht fern ist, geben wir statt der Furcht dem Mitleiden Platz, wenn wir die Verheerung gewahr werden, die das Verderben, das sich unter unsern Füßen verbirgt, in der Nachbarschaft anrichtet.

Immanuel Kant, Von den Ursachen der Erderschütterungen bei Gelegenheit des Unglücks, welches die westliche Länder von Europa gegen das Ende des vorigen Jahres betroffen hat, 1756

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land, Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.