Über die Nachbarschaft der Texte

Romane schreiben ist eine unglaublich peinliche Angelegenheit. Es fühlt sich an, als würde man sich nackt ausziehen. Am helllichten Tag. Auf der Verkehrsinsel einer vielbefahrenen Straßenkreuzung. Mitten im Berufsverkehr.

Und die ganze Zeit stellst du dir selbst die Frage: „Was zum Teufel tue ich hier?“

Wenn man so schreibt wie ich, nah an der Wirklichkeit, oft tagesaktuell, dicht dran am Erlebten, folgt daraus häufig fast zwangsläufig die Verwechslung von Literatur und Realität, von Autorinnen-Ich und Erzählerinnen-Ich.

„Ich hatte ja auch mal Krebs“, erzählten mir Zuschauer am Signiertisch nach Lesungen aus meinem Debütroman Im Sommer wieder Fahrrad, in welchem eine Ich-Erzählerin namens Lea Streisand sich die körperlich und psychisch anstrengende Prozedur einer Chemo- und Strahlentherapie durch die Arbeit an einem Roman über ihre Großmutter erleichtert, sich ablenkt und so Kraft und Mut schöpft.

Ich war von der Projektion anfangs überfordert, war mir doch von frühester Kindheit an eingetrichtert worden, eine Geschichte sei eine Erfindung und nicht die Wirklichkeit. Zehn Jahre Studium der Literaturwissenschaft lagen hinter mir und 13 Jahre Geschichten vorlesen auf Lesebühnen, fast ausschließlich aus der Ich-Perspektive. Weil dies nun mal die direkteste Form der Vermittlung ist, der kürzeste Weg zum Rezipienten. „Ich“ lädt zur Identifikation ein, zur Projektion. Die Ich-Perspektive zieht Leser/Zuhörer direkt in den Text hinein. Emotionen lassen sich aus der Innensicht besser begreiflich machen als in der Beschreibung von außen. Wenn ich beschreibe, wie jemand leidet, erzeuge ich Mitleid oder Ekel, wenn ich erzähle, wie ich leide, können Sie es fühlen.

Ich hatte eine Chemotherapie, aber irgendwann keinen Mut mehr, keine Kraft, mich abzulenken. Ich konnte an nichts anderes denken, als daran, dass ich Krebs habe, die mythisch aufgeladendste Krankheit unserer Gegenwart.

„Das sind so richtige Geschichten, die das Leben schreibt“, höre ich bisweilen andere über meine Texte sagen. Es ist als Lob gemeint und kommt doch als Beleidigung bei mir an.

Was glauben Sie denn, was Texte schreiben für Arbeit macht!

Olga Tokarczuk schreibt in Unrast:

Jeder, der schon einmal versucht hat, einen Roman zu schreiben, weiß, was das für ein mühsames Unterfangen ist, es ist zweifellos eine besonders schlechte Form der Selbstbeschäftigung. Die ganze Zeit muss man in sich selbst sein, in einer Einpersonenzelle, in völliger Einsamkeit. Es ist eine kontrollierte Psychose, eine Paranoia und zugleich Obsession, die mit Arbeit verbunden ist und deshalb auch nicht mit den Federn, Rüschen und venezianischen Masken ausgestattet, die wir damit assoziieren, sondern eher mit Fleischerschürze und Gummistiefeln und einem Messer zum Ausweiden in der Hand.1

Das Tier, das die Schriftstellerin bei lebendigem Leib schlachtet und ausweidet, ist sie selbst. Mit Körper, Geist und Seele. Mit allen Abgründen, Erfahrungen, Sehnsüchten und Ängsten.

„Wenn Sie Schriftsteller sein wollen“, empfahl Jurek Becker 1989 in seiner Frankfurter Poetikvorlesung, „leiden Sie an etwas, seien Sie über etwas zu Tode erschrocken, stemmen Sie sich gegen etwas, werden Sie verrückt von etwas!“2

Aber erst nachdem die Abgründe durchschritten, die Todesängste ausgestanden sind, können Sie sich umdrehen, draufgucken und Texte draus machen. Die Erinnerung an die Emotion ist das Material.

In der Emotion kann niemand schreiben, so entsteht nur hysterisches Gekrakel. Um Worte zu finden, braucht man einen klaren Kopf. Aus der Distanz ist das Erlebte ein Steinbruch, aus dem in mühsamer Knochenarbeit Fragmente von Erlebtem herausgeschlagen und mit anderem Material zu Erzählungen verwebt werden.

Was ich schreibe, ist nie wirklich passiert. Das Leben schreibt keine guten Geschichten. Das Leben ist langweilig, eintönig und ausweglos. Gerade deshalb brauchen wir die Literatur als Ausweg und Möglichkeit.

Wer will schon lesen, wie einer Frau vor Angst die Worte fehlen.

Texte schreiben ist Ordnen. Ich sortiere Gedanken, meine und fremde, bringe sie in Reihenfolge, putze sie und portioniere sie zu Häppchen, auf dass sie verinnerlicht/verstanden werden.

Mein zweiter Roman Hufeland‑, Ecke Bötzow ist ein Wenderoman aus Kinderperspektive. Weil der noch fehlte. Die literarische Verarbeitung der historischen Ereignisse um Mauerfall und Wiedervereinigung war bisher, wenn nicht aus Erwachsenenperspektive, so aus Teenagerperspektive erzählt worden; vor allem männlicher Teenager, die die Jahre nach 89/90 damit verbrachten, Drogen zu nehmen, Nazis zu verprügeln und zu Techno zu tanzen. Ich konnte mich darin nicht wiederfinden. Nichts davon hatte ich je getan.

Ich war zehn Jahre alt, als die Mauer fiel und wohnte mit meinen Eltern in einem Haus in der Hufeland‑, Ecke Bötzowstraße, meine ganze Schulzeit über.

„Lea Streisand hat einen Roman über ihre Kindheit geschrieben“; schrieb die Berliner Zeitung unter den Vorabdruck.

Ja, auch.

Aber es gibt deutliche Unterschiede zwischen mir und Franziska Becker, der Protagonistin des Buches.

Franzi geht auf die Grundschule im Bötzowviertel. Ich dagegen verbrachte meine Grundschulzeit auf der Körperbehindertenschule Dr. Georg Benjamin in Berlin Lichtenberg.

Als ich anfing, den Roman zu schreiben, haderte ich monatelang mit der Frage, ob Franzi nun in der KBS eingeschult werden sollte wie ich, oder im Bötzowviertel.

Wäre Franzis Geschichte näher an meiner, könnte ich vielleicht sicherer erzählen, weil ich mich nur zu erinnern bräuchte?

Von wegen! Die Erinnerung ist ein Schwarm Fliegen in einer Dose, jeder von ihnen klebt ein Erzählfaden am Hinterteil. Schraubt man den Deckel auf, stieben sie in alle Richtungen davon. Viel Spaß beim Entwirren!

Normalerweise ist es so:

Ein Kind wird geboren. Befreit aus dem Leib der Mutter, bleibt es die ersten Monate an den Eltern kleben. Irgendwann erkennt es, dass das Wesen, aus dem die Muttermilch kommt, jemand anderes ist als es selbst, noch später unterscheidet es seine nächsten Familienmitglieder. In der Kita baut es Freundschaften und Bindungen auf, das Kind lernt das Viertel kennen, in dem es wohnt, Spielplatz, Kaufhalle, Bordsteinkante. Der Fokus wird weiter. Spätestens mit der Einschulung bewegt sich das Kind allein in seinem Quartier, besucht Freunde, unternimmt Erkundungstrips. Und mit Erreichen der Volljährigkeit zieht es in die Welt hinaus.

Mein Weg war anders. Für mich war Berlin von Kindheit an eine Erfahrung. Egal, wo ich hinwollte und wen ich besuchen wollte, ob Großeltern, Schulfreunde oder Ärzte, immer benutzte ich öffentliche Verkehrsmittel. Bahnen, Busse.

Meine Mitschüler wohnten an entgegengesetzten Enden der Stadt, die einen im mondän verfallenen Altbau in Mitte, die anderen im Plattenbau in Marzahn und wieder andere wohnten im Eigenheim am Stadtrand. Wenn ich meine Mitschüler besuchen ging, war das oft ein Tagesausflug, häufig mit Übernachtung. Ich wusste von klein auf, dass Berlin sehr viele Gesichter hat.

Erst, als ich im fortgeschrittenen Alter von 15 Jahren endlich Fahrrad fahren lernte, entdeckte ich eine neue autonome Form der Mobilität. Mit meinem Wechsel aufs Gymnasium erst lernte ich mein eigenes Viertel kennen.

Vorher hatte ich gelesen. Tagein, tagaus hatte ich im Bus gesessen und Romane verschlungen, mehr als einmal die Station verpasst. Fahrzeit war Lesezeit. Sie gehörte mir allein. Auf dem Fahrrad fing ich an, Musik zu hören. Sie gab den Takt meiner Tritte vor, jede Radtour wurde zum Tanz.

Franzi wurde im Bötzowviertel eingeschult, auf der 32. POS, auf die ich auch gekommen wäre. Logischerweise. Die Geschichte sollte von den Kindern vom Prenzlauer Berg erzählen und wie sie die Wende erlebten und nicht vom Busfahren. Meine eigene Geschichte war dafür unbrauchbar.

Vorsicht vor Assoziationen beim Schreiben, gerade bei historischen Themen! Eh man sich versieht, hat man ein kitschiges ZDF-Fernsehdrama geschrieben.

Aber was sollte ich ohne Erinnerungen erzählen? Alltag lässt sich kaum in Geschichtsbüchern nachlesen. Da steht nur drin, wie schlimm das Leben in der DDR war. Ich wunderte mich immer, was mit meiner Erinnerung nicht stimmte.

Ich brauchte Zeugen für meine Version der Vergangenheit.

Ich brauchte Details.

Wo wurden die Pioniere zu DDR-Zeiten vereidigt?

Wurden sie überhaupt vereidigt?

Gab es noch in den Achtzigern Repressalien gegen Schüler mit Westverwandtschaft? Von meiner Schule konnte ich mich an sowas nicht erinnern.

Zum Glück hatte ich ein Abijahrgangstreffen in dem Sommer, als mein Manuskript fertig werden musste. Die Erzählungen meiner ehemaligen Mitschüler vom Gymnasium, welche auch ihre Grundschulzeit im Prenzlauer Berg verbracht hatten, waren eine Goldgrube für mich. Genauso wie die Geschichten von Freunden, Verwandten, Kollegen und fremdes Textmaterial. Den Kleister bildete die Einbildungskraft.

Das Ego muss weg. Das ist die wichtigste Aufgabe beim Schreiben. Wichtig ist nur der Text.

Und der Text entsteht am Ende doch erst im Kopf des Lesers. Die Worte, die ich geschrieben habe, gefiltert aus meinen Überlegungen, Erfahrungen, konstruiert aus Versatzstücken werden im Kopf des Lesers erneut gefiltert, konstruiert, abgeglichen, zu den eigenen Geschichten hinzugefügt und mit ihnen verschmolzen. Geschichten sind Geschenke, die weitergegeben werden.

Und so haben Sie vollkommen recht, wenn Sie meine Geschichte am Ende als Ihre eigene ansehen.

  1. Olga Tokarczuk: Unrast. Zürich 2019, S. 20.
  2. Jurek Becker: Warnung vor dem Schriftsteller. Frankfurt/M 1990, S. 15.

Weitergehen

nackt

In der Schweiz beantworte ich geduldig immer wieder die Fragen, ob meine Eltern arbeitslos seien, mit nein, und ob ich tatsächlich nackt baden würde, mit ja.

Seele

Fortgezogen ist auch die Verkäuferin aus dem KaDeWe, die gute Seele des Hauses, die die Pflanzen goss, am Geburtstag der Kinder einen warmen Kuchen auf unsere Fußmatte stellte…

DDR

Und wenn er droht, in die Nordsee zu fliehen, ahne ich nichts von der möglichen Analogie zwischen Fisch und DDR-Bürger*innen.

Wirklichkeit

Er glaubt, dass sie Martina heißen könnte, in Wirklichkeit heißt sie Noelle.

Großmutter

Die schwerhörige Oma Schade hörte es nicht. Doch andere Mieter ärgerten sich.

Fragmente

From this perspective, it isn’t so much the fragmentation that is surprising, as is the assumption of unity.

körperlich

Trotzdem fühlen sich viele Menschen einsam, da auch (Video-)Telefonate keine körperliche Nähe und unmittelbare Kommunikation im gleichen Raum ersetzen können…

Nazi

Was, wenn Putzis Herrchen sechs Millionen Juden leidgetan hätten? Titel des Ausstellungsstücks: Der Nazi-Putzi

Mauerfall

Das ändert sich freilich nach dem Mauerfall, als ihn regelmäßige Gigs nicht mehr nur in (meist tatsächlich existierende) Clubs in entfernteren Gegenden West‑, sondern auch Ost-Berlins führen.

Einsamkeit

In Slumberland ist die Einsamkeit des Protagonisten anfänglich sogar so ausgeprägt, dass er Gefühle der Verbundenheit einzig mit einer nicht-menschlichen Lebensform entwickelt…

Fahrrad

Als ich mein Fahrrad vor dem Haus abstellte, kamen zwei Bauarbeiter heraus und hielten mir die Tür auf. Im Innenhof standen Gerüste…

Gold

Wir bieten von Neuschmuck bis Altschmuck jeden Service rund um Gold- und Silberschmuck an, von Schätzung über Ankauf bis Verkauf.

Drogen

Da sind Drogen im Spiel, sagte der Westler Markus, als man sich in der oberen Etage erneut schlug, als er brüllte, sie schrie…

Kindheit

Mit lebhafter Freude erzählten die Exilierten mir von ihrer glücklichen Kindheit in den großen, vornehmen Wohnungen. Dann beschrieben sie mir die Zunahme des Antisemitismus…

Mauer

Hunde werden in Körbchen durch die Stadt gefahren, sie besuchen italienische Restaurants in Friedrichshain, haben die Reste der Berliner Mauer gesehen.

öffentlich

…einen öffentlichen und einen privaten.

Distanz

Durch die Anbringung an ein Wohnhaus in einer Seitenstraße gewinnt es möglicherweise die nötige Distanz…

Leser

Ich habe mal ein Buch über eine Frau gelesen, die den Tod ihrer Katze betrauert, seitenlang, bis der Leser irgendwann dahinterkommt, dass die tote Katze bloß eine Einbildung der Frau ist.

Spielplatz

Bäume, eine etwas zertrampelte Rasenfläche, ein Spielplatz. Der Kontrast zur monumentalen Breite der Verkehrsstraße ist groß.

allein

In diesen Wochen der zweiten Welle, die ich zumeist allein in der Wohnung verbringe und in denen ich Menschen kaum noch anders sehe als in streng rechteckig abgeschlossenen Bildschirmkacheln via Zoom…

Zuschauer

One was, and one still is, confined to the role of a spectator – a spectator to a strange other world behind a wall.

Altbau

Die staatliche Wohnungsverwaltung, der Lage in den einstürzenden Altbauten längst nicht mehr Herr, nahm das wie üblich hin und die Miete an. 90 Pfennige pro Quadratmeter.

Krankheit

Das Szenario der Verfolgung wird angereichert durch Hinweise auf ein geplantes Großattentat religiöser Fanatiker und auf eine tödliche Krankheit namens „Mau“…

The differences between the actual worlds of a pair of contemporary entities, which are in a certain sense ’neighbours’, are negligible for most human purposes.

Alfred North Whitehead, Process and Reality, 1929

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu auch Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.