Als ich das erste Mal einen Fuß in meine Straße in Berlin gesetzt habe, ging mir sofort die Frage durch den Kopf: Was mochte in dieser Straße alles passiert sein, dass sie heute solche Narben trägt? Aber vor allem: Wie haben meine Nachbarn dieses Jahrhundert erlebt? Die Nachbarn, die ich nicht kennengelernt habe, und die älteren, die hier seit Jahrzehnten wohnen? Wie haben sie das zerstörerische Jahrhundert durchlebt, dessen Zeugen die beschädigten Gebäude sind, die klaffenden Löcher, die seelenlosen Wohnblocks, die man in den 60er Jahren eilig hochgezogen hat, und die ihres Stucks beraubten Fassaden? Die Pariser haben eine solche Brutalität nicht erlebt. Ihre Stadt wurde nicht bombardiert und wiederaufgebaut. Die Umgebung ihres täglichen Lebens hat sich im Lauf der Jahre kaum verändert, ihre Gebäude sind nicht eingestürzt, ihre Nachbarn sind nicht plötzlich und gewaltsam gestorben: Wenn man an der Seine entlangspaziert, sieht man die Geschichte vorbeiziehen, bruchlos und aus einem Guss, vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert. Der Gang durch die Nachbarschaft ist verbunden mit dem Gang der Geschichte. Nichts dergleichen in meiner zerrissenen, zerbrochenen, traumatisierten Straße in Berlin.

Abgesehen von David Bowie, der einst rund zwei Wochen im Haus Nummer 7B untergekommen ist, und Wilhelm Reich, der am Ende der Straße seine Theorie des Orgasmus aufgestellt hat, waren meine Nachbarn Unbekannte, einfache Leute, von denen, so dachte ich anfangs, keine Spur zurückgeblieben ist, keine Stars, keine Berühmtheiten, die einfach aufzuspüren wären. Ich habe also viel Zeit damit verbracht, sie ausfindig zu machen.

Im stillen Lesesaal des Berliner Landesarchivs habe ich meine ältesten Nachbarn kennengelernt, die aus der Vorkriegszeit. Ich hatte Glück, denn die Archivalien meiner Straße waren nicht bei Bombenangriffen zerstört worden. Sie waren auch nicht von irgendeinem Ordnungsfanatiker weggeschmissen worden, der sie für wertloses Zeug gehalten hätte. Die Aktenordner des Bau- und Polizeiamts erzählen detailliert die alltäglichen Geschichten meiner Nachbarn. Manche von ihnen sind in diesen vergilbten Ordnern allgegenwärtig. Es gibt den Nörgler vom Dienst. Er ist verärgert und will das auch alle wissen lassen. Sich zu beschweren ist sein Lebensinhalt, man könnte sogar sagen, seine große Leidenschaft, denn offensichtlich hat er große Freude an seiner Aufgabe: seine Mitmenschen auf den rechten Weg zurückzuführen. Nachbarschaften scheinen über Jahrhunderte hinweg immer wieder die gleichen Konflikte hervorzubringen. Manche sind wunderbar grotesk: 1917 fordert ein Bewohner der Nummer 8 meiner Straße seinen Vermieter auf, die Ratten zu beseitigen, und empfiehlt ihm, Phosphorpaste auf einen Köder zu streichen, „am besten Fisch (Sardine oder Hering) oder ausgebratenen Speck“. Manchmal erlebt meine Straße sogar regelrechte Wutausbrüche. Im Haus Nummer 5 wird 1947 ein Baumeister vom Tapezierer aus dem Erdgeschoss „wüst beschimpft und tätlich angegriffen“. Eine Straße lebt von diesen schäbigen Denunziationen, den haltlosen Verleumdungen, Nachbarschaftsstreits, Eifersüchteleien, Zankereien zwischen Mietern, Beschwerden aller Art. Von den Tragödien um Kaugummis, die genau vor den Hauseingang gespuckt werden, den Dramen um Hundehaufen auf dem Bürgersteig, kaputte Rohrleitungen und die Probleme mit der Regenrinne. Ebenfalls gut geeignet, Wutanfälle auszulösen: Kinder, die nicht grüßen, die das Treppengeländer runterrutschen, die Basketball im Hof spielen und vor dem Hauseingang Skateboard fahren; die Ruhelosen, die mitten in der Nacht im Fernsehen Fußballspiele anschauen, ihre Toilettenspülung betätigen oder auf dem knarzenden Parkett auf und ab gehen, um die Zeit bis zum Morgengrauen totzuschlagen.

Es ist unmöglich, die Geschichte einer Straße in Berlin zu erzählen, ohne von denen zu sprechen, die im Morgengrauen zusammengetrieben und in die Konzentrationslager deportiert wurden. Das Viertel, in dem sich meine Straße befindet, wurde „jüdische Schweiz“ genannt. Vor dem Krieg war ein Großteil seiner Bewohner angesehene Juden: Anwälte und Ärzte, Fabrikanten und Händler. 106 Juden aus meiner Straße wurden deportiert. 106 ermordete Nachbarn in einer so kurzen Straße. Von denen, die vernichtet wurden, bleibt nur eine akribische Auflistung der Möbel, die sie in ihren großen Wohnungen zurückgelassen hatten. Die Kommoden und Sofas waren bei Auktionen für einen Spottpreis verkauft worden. Aber war es möglich, dass manche von ihnen noch am Leben waren? Ins Ausland fortgeschickte Kinder, vielleicht ganze Familien, vorausschauend und mit ausreichendem Vermögen, die es rechtzeitig geschafft hatten, zu entkommen? Überlebende aus einer so gewöhnlichen Straße zu finden … das war, wie eine Stecknadel in einem weltweiten Heuhaufen zu suchen. Ich versuchte trotzdem mein Glück und gab eine Suchanzeige in einer Zeitung auf, die die Berliner Stadtverwaltung weiterhin an die letzten, in der ganzen Welt verstreut lebenden Berliner Juden verteilt. Von mehreren von ihnen konnte ich die Spur ausfindig machen. Dreizehn haben auf meine Anzeige geantwortet. Aus New York, aus Berkeley, aus Boca Raton, aus Lexington, aus Haïfa, aus Ranswick, aus London schickten meine ehemaligen Nachbarn Lebenszeichen. Briefe in kleiner, holpriger Handschrift und in altmodischem Deutsch. Zitternde, kaum hörbare Stimmen auf meinem Anrufbeantworter. Mit einem Mal bevölkerte sich meine Straße vor meinen Augen wieder. Ich habe sie an allen Enden der Welt besucht. Mit lebhafter Freude erzählten die Exilierten mir von ihrer glücklichen Kindheit in den großen, vornehmen Wohnungen. Dann beschrieben sie mir die Zunahme des Antisemitismus und die „kleinen Pogrome“, wie sie die Rempeleien und Verhöhnungen auf dem Schulhof nannten, die Schlinge, die sich immer enger zog, die Flucht in letzter Minute und ihre Entwurzelung in der neuen Welt.

Und die „arischen“ Nachbarn, fragte ich mich? Haben sie ihren Auszug im Morgengrauen aufmerksam verfolgt, versteckt hinter den Vorhängen? Die Alten aus meiner Straße erzählen, dass sich die Hausmeister an den Tagen nach den Massenverhaftungen in den Wohnungen bedient hätten, bevor die Polizei sie versiegelte. Die Damen trugen auf einmal Pelzmäntel und in den Pförtnerlogen stapelten sich die Perserteppiche. Eine Archivakte, die ich gefunden habe, enthält auch die Erinnerung an die Apothekerin der Straße, NSDAP-Mitglied, die bei der Steuerbehörde einen Steuernachlass beantragte, um ihren Einkommensverlust zu kompensieren, der von der „Abreise“ ihrer jüdischen Kunden verursacht worden sei. In einem anderen Brief beantragt die Apothekerin beim Polizeipräfekten, dass er ihr einen „Dringlichkeitsbeschied“ ausstelle, um eine der „von Herrn Generalbauinspektor Speer im Viertel beschlagnahmten jüdischen Wohnungen“ zu erhalten.

Die ältesten meiner Nachbarn haben mir von den mageren Nachkriegsjahren erzählt, in denen es an allem fehlte, und dann von den fetten Jahren des Wirtschaftswunders. Nach dem Krieg ist der Wohnungsmangel im zerbombten Berlin so groß, dass sich oft mehrere Familien eine Wohnung teilen müssen. In diesen Zufalls-WGs ist die Nachbarschaft nicht immer einfach. Aber man arrangiert sich. Man hat keine Wahl. Und man freut sich, wenn einem eine Wohnung in einem neuen Gebäude bewilligt wird. Jede Familie hat nun ihre eigenen vier Wände. Zu dieser Zeit und bis zum Beginn der 80er Jahre gibt es in meiner Straße noch kleine Geschäfte, wo man sich täglich trifft. Einen Tante-Emma-Laden, einen Reifenhändler, eine Bar mit zweifelhaftem Ruf und sogar ein stark frequentiertes Bordell. Ich will die Vergangenheit nicht idealisieren, aber ich stelle mir eine lebhafte Straße vor, ganz anders als der abgestorbene Ast, der sie heute geworden ist. Ein Kommen und Gehen, Gespräche am Bürgersteig, weniger Anonymität. Man geht zu den Hochzeiten und Beerdigungen der anderen, grüßt sich mit Namen, fragt nach den Kindern, die man hat aufwachsen sehen, dem Sodbrennen des Ehemanns und den Hühneraugen der Ehefrau. Alle wissen alles über alle. Das ist gleichzeitig beruhigend und bedrückend.

Heute gibt es keine Parkbank in der Nachbarschaft, keine Bäckerei, in der man sich jeden Morgen beim Brötchenholen über den Weg laufen würde. Man kennt kaum die Bewohner auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Meine Straße ist eine Straße im Norden Europas. Hier strömt das Leben nicht laut und ungehemmt auf den Bürgersteig wie in den mediterranen Städten. Selbst im Sommer bei großer Hitze bleibt jeder zu Hause, die Vorhänge zugezogen. Die Gespräche auf den Balkonen sind gedämpft. Nur wenn an den Sommerabenden die Hinterhoffenster geöffnet werden, um ein wenig kühle Luft hereinzulassen, kann man Zeuge des Privatlebens seiner Nachbarn werden. Wer einen ganzen Tag im Hinterhof verbringt, kann am Alltag seiner Nachbarn teilnehmen: Geschirrklappern, Gurgeln, undefinierbare Waschgeräusche, Streit, Betätigung der Wasserspülung und Liebesschreie, die aus den Schlafzimmern dringen und von den Mauern zurückhallen. Ich habe sogar bemerkt, dass durch ein so enges Zusammenleben die Bewohner eines Hauses schließlich ihre Alltagshandlungen synchronisieren: Mehrere meiner Nachbarn putzen sich die Zähne zur selben Zeit. Und wenn oben jemand die Spülung betätigt, überkommt denjenigen aus dem Stockwerk darunter ein unwiderstehliches Bedürfnis zu urinieren.

Die Gentrifizierung der letzten zehn Jahre hat meine Straße in rasendem Tempo verwandelt. Ihre Bewohner ändern sich: Die alten Berliner Mieter gehen, die zugezogenen Eigentümer kommen. Die Hausmeisterin meines Gebäudes, die vom Fenster aus – die Arme auf ein Kissen gestützt – das Straßengeschehen beobachtete, ist tot. Der strenge alte Herr aus dem dritten Stock ist ins Altersheim gezogen. Er verbrachte seine Tage damit, das Geschehen im Haus zu überwachen und die Bewohner anzuherrschen, die die Hausordnung missachteten. Seine Nachbarn hatten ihn den „Sheriff“ oder, noch schlimmer, den „Blockwart“ getauft. Fortgezogen ist auch die Verkäuferin aus dem KaDeWe, die gute Seele des Hauses, die die Pflanzen goss, am Geburtstag der Kinder einen warmen Kuchen auf unsere Fußmatte stellte und Anfang Dezember Girlanden mit kleinen blinkenden Weihnachtsmännern auf ihren Balkon hängte. Das kleine Berliner Völkchen, das so lange in meiner Straße gewohnt hat, ist nicht mehr da. Meine Straße ist wieder homogen geworden, von gut situierten Leuten bewohnt, die ihre Wohnungen gekauft haben. Sie ist das Abbild der großen Normierung seit der Wiedervereinigung. Die Beziehungen zu den Nachbarn sind immer noch korrekt, aber weniger herzlich und vor allem weniger lustig. Die Nachbarschaft ist förmlicher geworden. Wenn man sich auf der Treppe begegnet, kommentiert man voller Zufriedenheit die explodierenden Immobilienpreise. Man trifft sich einmal im Jahr bei der Eigentümerversammlung, einer Einrichtung, bei der dieselben Probleme wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts debattiert werden: Hundehaufen auf dem Bürgersteig, Kinder, die das Treppengeländer runterrutschen, Schlaflose, die mitten in der Nacht die Wasserspülung betätigen, verstopfte Rohre, nächtliche Ruhestörung und Probleme mit der Regenrinne. Die Jahre vergehen, aber die Nachbarschaftsgeschichten wiederholen sich.

Aus dem Französischen übersetzt von Christina Ernst, kursive Wörter sind im Original auf Deutsch.

Weitergehen

Fisch

Ich habe keine Ahnung, wieso der Fisch „viehisch nach Chemie“ stinkt.

Lebenszeichen

Von den wenigen Lebenszeichen aus den Nachbarwohnungen gleite ich nachmittags, wenn die Dunkelheit vom Spreebogen her über meinen Kiez kriecht, zunehmend in die ferneren historischen Umstände ab…

Hinterhof

…mit Blick auf die Schienen der Ringbahn, in einem schwarzen Schuhkarton für Sneaker aus der Altpapiertonne im Hinterhof, den ich mit zwei roten Papierservietten ausstaffierte.

WG

In meiner Sechser-WG wird sechs Mal im Jahr „Weil heute dein Geburtstag ist“ gesungen.

Bürgersteig

Wenn er sich mir auf dem Bürgersteig nähert, weiche ich dem Fahrrad vorsichtshalber aus.

Kinder

Dann bindet er seine Schnürsenkel zu, wie es Kinder machen.

Geburtstag

Ob Geburtstag, Taufe, Heiratsantrag oder Hochzeit – oder einfach als Beweis von Zuneigung

Kindheit

Mein Weg war anders. Für mich war Berlin von Kindheit an eine Erfahrung.

Seele

Mit Körper, Geist und Seele. Mit allen Abgründen, Erfahrungen, Sehnsüchten und Ängsten.

Vorhänge

Die dünnen Vorhänge bauschten sich im Abendwind.

Stuck

Im Hinblick beispielsweise auf den aktuellen Berliner Wohnungsmarkt kann man Vermieter*innen diese Klugheit nicht mehr absprechen, wenn bröckelnder Stuck als hochwertige Deckenverkleidung bezeichnet und als mietsteigernde Ausstattung eingepreist wird.

Zeugen

Mit diesem Indefinitpronomen sprechen die Nachbarn, die als Zeugen unter Eid aussagen.

tot

Mari ist tot. Und ich schäme mich für meine Trauer.

Ehefrau

In einem ihrer Prozessberichte kommt die Ehefrau eines festgenommenen Angeklagten zu dem treffenden Fazit…

Denunziation

Auf der Leiter entsteht die künftige Gewohnheit der Denunziation…

Erdgeschoss

Im Jahr 2002 kaufte ich mit meiner damaligen Frau eine Wohnung im Erdgeschoss einer Villa in Lichterfelde West.

Juden

Als die Frau fragte, woher sein Akzent stamme, sagte er: „Israeli“. Er sagte „Israeli“ und nicht „Jude“.

Europa

In the 1920s, this square was one of the busiest and most dangerous crossings in Europe…

Bordell

In „verführerischer Paradoxie“ bildet ausgerechnet der angrenzende Vergnügungsdistrikt mit „Bordelle[n], […] Tanz- und Saunaclubs“ eine „dünne, aber kilometerlange Pufferzone zwischen der Hauptschlagader der Stadt und dem verbotenen Viertel“…

Wohnblock

In schwarzen Lettern aus Metall wurde der Text in zwei Versionen – spanisch und deutsch – auf die weiße Außenwand des fünfgeschossigen Wohnblocks montiert…

Balkon

Fast jedes Haus verfügt über einen Vorgarten, viele davon haben Wohnzimmergröße und sind eingezäunt. Mehr noch als Balkone bieten Vorgärten einen halböffentlichen Raum.

Vergangenheit

Ich brauchte Zeugen für meine Version der Vergangenheit.

Stimmen

Kälte, wohin man fühlte. Kaltes Wasser. Kalte Luft. Kalte Stimmen. Und dann dazwischen ein Hauch von frisch gewachstem Linoleum.

Der Diener dankte, und ging zu seinem Nachbar, dann zu dem Nachbar des Nachbars, und so weiter – und alles war wieder wie vorher.

Adalbert Stifter, Das alte Siegel, 1844

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu auch Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.