Arno Schmidts Nachbarin, Tod und Solidus (1956)

„Ich hatte wieder nicht schlafen können, und war ans Fenster getreten : rechtwinklig dazu, in ihrem Erker, stand die Nachbarin, Kriegerwitwe; wir hatten noch nicht miteinander gesprochen.“1 Der Protagonist von Arno Schmidts 1956 veröffentlichter, dreiseitiger Kurzgeschichte Nachbarin, Tod und Solidus scheint seiner Nachbarin nicht nur räumlich nahe, sondern auch hinsichtlich der gemeinsamen Disposition, nicht schlafen zu können. Nahe und doch getrennt lauschen sie in die Nacht und blicken in den Sternenhimmel, bevor der namenlose Protagonist eine alles andere als romantische Geschichte erzählt, die von der Zuhörerin mit einem „Nachbarinnengelächter“ (S. 52) kommentiert wird. Sie handelt vom Großvater des Protagonisten, der im Jahr 1860 einen Franzosen von seiner heruntergeschluckten Schmuggelware befreit und sich mittels einer vorgetäuschten Operation und einer großen Menge Abführmittel die Hälfte der Ware – antike Münzen – angeeignet hat. Eine Münze aus der Beute, der titelgebende Solidus Kaiser Justinians I., hat der Großvater seinem Enkel zur Konfirmation geschenkt, der dieses Goldstück oder den „Mondgroschen“ (S. 52) nun seiner Nachbarin zeigt, bevor er zu erzählen beginnt. Die wertvollste Münze des Großvaters, die die Mond- und Jagdgöttin Artemis abbildet, ist hingegen unauffindbar und wurde wahrscheinlich als Obolus mit ins Grab genommen. Nicht nur die Rahmen- und Binnenerzählstruktur ist für eine Kurzgeschichte der Nachkriegsliteratur eher unüblich, sondern auch die experimentelle Interpunktion, die allerdings nicht nur für die im Feuilleton abgedruckten Kurzgeschichten, sondern für Schmidts Schreiben insgesamt prototypisch ist.2 Der Doppelpunkt mit vor- und nachfolgendem Leerzeichen im obigen Zitat markiert eine Pause, die zwischen dem Ankommen des Protagonisten beim Fenster und dem Gewahrwerden der Nachbarin entsteht. Ähnlich nahe, also lediglich durch einen kleinen Leer- bzw. Luftraum getrennt, scheinen sich auch die beiden Figuren zu sein, die sich am geöffneten Fenster stehend unterhalten. Diese Nähe spiegelt die prekären Wohnverhältnisse der Nachkriegszeit wider, die in einem weiteren Satz kommentiert werden. So heißt es, dass ein „kluger Hauswirt […] inserieren [könnte] : ‚Besonders romantisches Ofengeheul : 5 Mark Miete mehr !‘ – aber so klug ist gottlob noch kein Hauswirt !“ (S. 51) Im Hinblick beispielsweise auf den aktuellen Berliner Wohnungsmarkt kann man Vermieter*innen diese Klugheit nicht mehr absprechen, wenn bröckelnder Stuck als hochwertige Deckenverkleidung bezeichnet und als mietsteigernde Ausstattung eingepreist wird.3

Warum erzählen sich Nachbarin und Nachbar nicht von ihrem Alltag? Oder anders gefragt, was hat die Erzählung des Protagonisten mit der aktuellen Situation, der nachbarschaftlichen Kommunikation zu tun? Auf den ersten Blick hat das nachbarschaftliche Gespräch wenig Bezug zur Vorliebe für Münzen, obwohl der Titel „Nachbarin, Tod und Solidus“ durch das Bindeglied „Tod“ eine Verknüpfung suggeriert. Bei genauerer Betrachtung erkennt man allerdings Parallelen hinsichtlich der Figurenkonstellation: Zwei Figuren, der Nachbar und die Nachbarin, werden mit einem skrupellosen Arzt und einem verbrecherischen Reisenden, aber auch mit den Patronen zweier Münzen, dem oströmischen Kaiser Justinian I. und der Göttin Artemis,4 parallelisiert. Diese Paarkonstellationen, situiert in den 1950er-Jahren, 1860er-Jahren und im 6. Jahrhundert n.Chr., sind Zweck- bzw. Zufallsbeziehungen geschuldet: Nachbarin und Nachbar warten flirtend auf den erlösenden Tod, der sich durch einen schwarzen Wagen und eine stürmende Eisenbahn ankündigt, deren Beschreibung sie in die Nähe eines Raubtiers rückt. Arzt und Patient sind beide an Gold interessiert, wofür sie in Kauf nehmen, zu sterben/töten, während der einer Legende zufolge schlaflose Kaiser mit dem Mond bzw. der Mondgöttin verbunden wird. Da die Nachbarin mit einem „[b]laßgrüne[n] Gesicht“ (S. 51) eingeführt wird, wird sie zum einen mit dem weißgrünen Mond (vgl. S. 52) bzw. der Mondgöttin parallelisiert, die mit einem Pfeil ihren Angebeteten Orion erlegt hat. Zum anderen teilen Nachbarin und Nachbar ihr Leid, womit eine Anbindung an die Geschichte des den Schatz teilenden Großvaters und des Reisenden erfolgt. Drei Zeitebenen werden kurzgeschlossen, sodass die Binnenerzählung die nachbarschaftliche Begegnung in der Erzählgegenwart kommentiert. Die Nachbarschaftsbeziehung wird als Zweck- oder Zufallsbeziehung skizziert, die unter anderem von eigennutzenorientierten Gedanken – „ich bin […] bei solchen Gelegenheiten sehr direkt – warum auch nicht ? Das Leben ist ja so kurz !“ (S. 51) – und eindeutig sexuellen Interessen – „,Wir können beide nicht schlafen.‘ stellte ich also pyjamaleis fest (und grammatisch=raffiniert : Wir ! Beide ! : wenn das nicht suggestiv wirkt ?!).“ (S. 51) – begleitet wird, sich allerdings im Beobachten und Erzählen erschöpft.

Verlässt man die Ebene der Figuren und Personen, stellt sich die Frage nach der Bedeutung der dreifachen Markierung der Figurenrelationen als Zweckbeziehungen. Hier fällt auf, dass wiederholt vom „Osten“ die Rede ist. Nachbarin und Nachbar schauen gemeinsam in Richtung Osten, die bereits genannte Eisenbahn befindet sich am „Ostbahnhof“ und bei Justinian I. handelt es sich um einen oströmischen Kaiser.5 Aufgrund des Nachkriegskontextes und obwohl der Westen nicht explizit genannt wird, denkt man unwillkürlich an die globale Ost-West-Aufspaltung und den Kalten Krieg, an die Aufspaltung Deutschlands in zwei Staaten sowie die Teilung Berlins in West- und Ostberlin. Es zeigt sich, dass der Text nicht nur von einer Begegnung und dem Dasein zweier unmittelbarer Nachbar*innen handelt, sondern auch von einer staatlichen Nachbarschaft, derjenigen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik – und von einer globalen Zwei-Systeme-Nachbarschaft. Da am Anfang der Kurzgeschichte auf eine DDR-Rundfunksprecherin, Inge Bartels, hingewiesen und – so die Vermutung – die Stimme der Nachbarin mit derjenigen der Rundfunksprecherin assoziiert wird, erfolgt eine Fokussierung der innerdeutschen Nachbarschaft – die Nachbarin wird mit Ost‑, der Protagonist mit Westdeutschland gleichgesetzt. In einem metaphorischen Sinn, also jenseits eines räumlichen oder sozialen Nebeneinanders, macht die Kurzgeschichte auch auf die Nachbarschaft von Religion oder Ethik und Ökonomie aufmerksam. Eine Durchdringung religiöser und monetärer Aspekte ist beispielsweise hinsichtlich der beiden Münzen zu beobachten, die eine festgelegte Kaufkraft besitzen und gleichermaßen dem staatlichen und religiösen Oberhaupt (Justinian I.) sowie einer Göttin (Artemis) gewidmet sind. Zudem beantworten Nachbarin und Nachbar mit Rückblick auf ihre Lebenserfahrungen, nämlich „zweimal Krieg mitgemacht [zu haben], plus Flüchtling, plus Inflation“ (S. 52), die Frage, ob das ewige Leben dem Tod vorzuziehen sei, mit „Nee ! Ewiges Leben ist nichts für Jahrgang Firrzn.“ (S. 52) Die Bilanz der Lebensläufe bzw. der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist negativ, eine unendliche Fortsetzung nicht erwünscht.

Arno Schmidt hat nur zwei Jahre nach Publikation der Kurzgeschichte ein Haus in Bargfeld erworben, das sich unter anderem darin von anderen Häusern unterscheidet, dass es keine unmittelbaren Nachbarsgebäude hat und der Idee eines einsamen Dichterhorts sehr nahekommt. Schmidts Text stellt – und dies ist nicht nur im Hinblick auf den biografischen, sondern auch auf den historischen Kontext wenig überraschend – Nachbarschaft nicht als ein idyllisches Projekt dar, das sich an der Idee des dörflichen Zusammenseins orientiert, sondern als eine Form von Zweck- oder Schicksalsgemeinschaft. Es handelt sich allerdings eher um eine Gesellschaft als eine Gemeinschaft, wenn man auf die Überlegungen von Ferdinand Tönnies in Gemeinschaft und Gesellschaft (1887) zurückgreifen möchte, in klein- oder großstädtischem Umfeld, deren Einfluss Schmidt in seinem Alltag zu reduzieren versucht hat. So liest sich das Ende der Kurzgeschichte denn auch als eine Pervertierung der Rahmenerzählung der Geschichten von Tausendundeine Nacht: „Wir lehnten von da ab ziemlich regelmäßig in unsern Fenstern; erzählten uns schlaff voneinander; und warteten weiter auf den Tod.“ (S. 53) Statt dass ein Beischlaf zwischen Nachbarin und Nachbar erfolgt, erzählen sich am Ende der Kurzgeschichte – im Unterschied zur Märchensammlung – beide Figuren voneinander, während sie gemeinsam und doch räumlich voneinander getrennt auf den Tod warten. Die gemeinsame Währung der nachbarschaftlichen Beziehung sind keine Goldmünzen, sondern Erzählungen. Der Wert letzterer ist zwar flüchtiger als derjenige von Goldmünzen, unterhält und stabilisiert jedoch die genuin prekäre nachbarschaftliche Beziehung – wenn auch im Angesicht des ersehnten Todes, der die Leidensgenoss*innen von einer pessimistisch eingeschätzten Zukunft, in der sich die Vergangenheit wiederholt, bewahren soll.

  1. Arno Schmidt: Nachbarin, Tod und Solidus, in: ders.: Bargfelder Ausgabe, hg. von der Arno Schmidt Stiftung, Werkgruppe I, Bd. 4: Kleinere Erzählungen. Gedichte. Juvenilia, Zürich 1988, S. 51–53, hier S. 53.
  2. Für weitere literaturgeschichtliche, gattungspoetologische, rezeptionsgeschichtliche und historische Informationen vgl. Bernd Rauschenbach: „Arno Schmidt: Nachbarin, Tod und Solidus“, in: Werner Bellmann (Hg.): Klassische deutsche Kurzgeschichten, Stuttgart 2004, S. 193–198.
  3. Vgl. Ulrich Paul: „Mit diesen Tricks arbeiten Berliner Vermieter“, Berliner Zeitung, 03.01.2020, https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/mit-diesen-tricks-arbeiten-vermieter-li.4179 (aufgerufen am 27.03.2020).
  4. Zu Artemis und zur thematischen Überschneidung mit Arno Schmidts in der Spätantike spielenden Kurzroman Kosmas oder Vom Berge des Morgens (1955) vgl. Frank Legl: „Der Kaiser ohne Schlaf. Anmerkungen zu Arno Schmidts Erzählung Nachbarin, Tod und Solidus“, in: Frank Jauslin (Hg.): Zettelkasten 7, Frankfurt/Main 1989, S. 62–97, hier S. 65–69.
  5. Vgl. Bernd Rauschenbach: „Arno Schmidt: Nachbarin, Tod und Solidus“, in: Werner Bellmann (Hg.): Klassische deutsche Kurzgeschichten, Stuttgart 2004, S. 193–198, hier S. 195–197.

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Am Tag, in der Nacht. Aber wir geben nie auf.

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Die Stimme des Manns wird ruhig: „Das muss schon einsam sein, da in dem Käfig.“

Ostbahnhof

Ein Abend im Januar 2022. Kurz hinter der Schillingbrücke, die vom Ostbahnhof nach Kreuzberg führt, fällt mir ein junger Mann auf, der mit Rollkoffer unschlüssig an der Kreuzung steht.

Die Nachbarschaft ist das Ergebnis, d.h. die Folge und Wirkung dessen, daß einer gegenüber dem anderen sich ansiedelt.

Martin Heidegger, Das Wesen der Sprache, 1957/58

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land, Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.