Die deutschsprachige Migrationsprosa aus Osteuropa ist häufig eng mit den urbanen Räumen von Großstädten verbunden. Das Leben der Protagonist*innen ist oft durch die Urbanität, Mobilität und Diversität einer postmigrantischen und globalisierten Weltordnung bestimmt. Der ständige physische oder imaginäre Orts- und Raumwechsel gibt den Figuren der transkulturellen Migrationsliteratur wenig Gelegenheit für das Ankommen in den jeweiligen soziokulturellen Kontexten. Autorinnen wie Sasha Marianna Salzmann und Olga Grjasnowa erzählen in ihren Texten von flüchtigen und vergänglichen Nachbarschaftsverhältnissen im Schutz der Großstadtanonymität, in der die Romanfiguren ihre transkulturellen und queeren Lebensformen praktizieren können. Die räumliche Verschiebung von der osteuropäischen Peripherie in das westeuropäische Zentrum erfolgt in der Spannung eines Paradigmas der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.

In Sasha Marianna Salzmanns Debütroman Außer sich (2017) wird mit der Emigration nach Deutschland die russische Chruschtschowka (sowjetische Kommunalwohnung) zunächst durch ein Zimmer im Asylheim ersetzt. Dieser Übergangsraum, auch ein Nicht-Ort im Sinne Marc Augés, steht für die Kontinuität der sozialen Strukturen, mit denen die jüdische Familie Tschepanow in der Sowjetunion klarkommen musste. Die sogenannten Kommunalkas standen früher für den gegenseitigen Überwachungsraum, ohne intime Freiräume jenseits der neugierigen Blicke der Nachbarn.

Im deutschen Asylheim ändert sich für die Romanfiguren Ali und Anton und deren Eltern Kostja und Valja daran nicht viel:

In den Heimen war es immer laut, in den Zimmern, auf den Fluren, man riss Fenster auf und rief in den Hof, das Geklapper des Geschirrs im Küchenraum schallte hoch ins Treppenhaus, die Wecktöne der sowjetischen Armbanduhren drangen durch die Decken. Wenn man sich stritt, wussten es alle, wenn man sich liebte, auch. Die Wände lösten sich auf. Man gewöhnte sich an ein permanentes Rattern von Dingen.1

Die Familie muss nach der Ankunft in Deutschland noch einige Male ihre Koffer ein- und auspacken und in ein weiteres Heim ziehen, um dem Drang nach sozialem Aufstieg nachkommen zu können. Die Zwillinge Ali und Anton durchforsten die neuen Räumlichkeiten der Asylheime zwar mit einem detektivischen Blick, trotzdem bleibt hier der gemeinschaftliche Raum stets negativ konnotiert:

Ali ekelte sich vor dem Essraum, sie streunte durch die Flure, ging in die Zimmer der anderen Familien, öffnete Keramikdosen mit Schmuck, schaute in Taschen mit Frotteebettwäsche, roch an Parfümflaschen der Marke Rotes Moskau, die sie öfters in Bädern fand, und klaute Zigaretten, wenn sie irgendwo eine Schachtel offen herumliegen sah.2

Doch die Asylheime bringen auch andere ambivalenten Erfahrungsebenen mit sich. Von den sowjetischen Nachbarschaftshöfen migriert die antisemitische und rassistische Gewalt nun in die deutschen Kleinstädte. Als Maria Kogan aus Olga Grjasnowas Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012) 1996 mit ihrer jüdischen Familie aus Baku und dem Bergkarabach-Konflikt nach Friedberg flieht, wird sie nach der Ankunft von den Gleichaltrigen mit „Fotze“3 begrüßt. Als die Geschwister Anton und Ali in Deutschland mit „Russki, Russki, ficki ficki machen“4 beschimpft werden, möchte Anton die Sache schnell richtigstellen und sagen, dass er ein Jude sei. Daraufhin werden die Schläge nur noch heftiger.

Der Antisemitismus, den sie auf dem Spielplatz und der, den sie im Asylheim erfahren, können strukturell voneinander unterschieden werden. Der sowjetische Antisemitismus drückt sich im Asylheim in diversen ‚Anekdoten‘ und ‚lustigen‘ Sprüchen über Juden aus. Als Kostja sich mit seinem Heimnachbar Valera unterhält, fällt plötzlich der Spruch „meine Frau ist zwar Christin, aber sie hat mir so viel Blut ausgesaugt, dass sie eigentlich schon halb Jüdin ist“5. Zwar sind sie alle als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland ausgewandert, trotzdem muss sich Valja in der Gemeinschaftsküche oft antisemitische Sprüche anhören, in denen die Juden als Schweine beschimpft werden: „Valja fühlte sich wie in einer Kommunalwohnung aus der Nachkriegszeit und wusste, dafür war sie nicht gekommen, also hieß es Wohnung suchen, Wohnung suchen ohne Deutsch, ohne Sprache“6.

Die Spannung zwischen der Sichtbarkeit in der deutschen Peripherie und der Anonymität einer Großstadt wird in den Romanen an der generationellen Frage festgemacht. Während die Eltern in den meisten Fällen in den Kleinstädten bleiben, ziehen ihre Kinder nach Berlin, Frankfurt am Main oder an andere Orte und tauchen vollständig in die migrantischen Milieus ein. Emilia Smechowski beschreibt in ihrem Buch Wir Strebermigranten (2017) am Beispiel ihrer polnischen Familie das Konzept der ‚Unsichtbarkeit‘, das mit der Migrationserfahrung zutage tritt, folgendermaßen:

So begann unser neues Leben. Mit Angst. Vielleicht erklärt diese Angst, warum wir uns in Zukunft wegducken sollten. Uns unsichtbar machten. Auf der Straße flüsterten. Und ganz schnell vergessen wollten, woher wir kamen.7

Die Großstädte funktionieren in der Migrationsprosa teilweise wie Stadt-Netze, die durch den ständigen Bewegungsmodus der Romanfiguren miteinander verbunden werden. Das stete Bedürfnis nach Bewegung und Fortgang, das in den Texten stark mit der Verhandlung von Fragen der Identität und kultureller oder nationaler Zugehörigkeit verbunden ist, stellt die Romanprotagonist*innen als rastlose Personen dar, die erst im Nomadismus zur Beschäftigung mit Fragen nach Herkunft und Identität kommen.

Die ‚Ortspolygamie‘ schließt die Möglichkeit der Narration eines festen Nachbarschaftsverhältnisses fast vollständig aus. Olga Grjasnowa schildert zwar in ihrem Debütroman in wenigen Passagen das Frankfurter Nachbarschaftsmilieu unweit des Hauptbahnhofs, in dem sich Maria und ihr Freund Elias aufhalten – „Hier, zwischen einer chinesischen Wäscherei und einem alternativen Jugendzentrum, dessen Besucher regelmäßig in unserem Hauseingang urinierten, lebten wir.“8 – trotzdem reichen diese Beschreibungen selten über sporadisch gestreute kurze Passagen hinaus. An einer anderen Stelle nimmt Maria an Heiligabend den Gesang ihrer deutschen Nachbarn wahr, während sie mit ihrer Mutter ihre traumatische Vergangenheit reflektiert. Oben in der Nachbarwohnung wird zunächst Stille Nacht gesungen; später wird gestritten und die Türen knallen; irgendwann „setzte wieder [die Blockflöte] zur Stillen Nacht ein“9. Hier wird die Nichtzugehörigkeit zur sogenannten deutschen Mehrheitsgesellschaft deutlich markiert, indem die Protagonistinnen außerhalb des Kontextes des wichtigsten christlichen Feiertags eingeordnet werden.

Großstädte wie Berlin sind darüber hinaus durch ihre prekäre soziale Lage und Wohnungsknappheit gekennzeichnet. In Olga Grjasnowas zweitem Roman Die juristische Unschärfe einer Ehe (2014) wird Berlin seinem Ruf als „arm aber sexy“ gerecht. Die deutsche Hauptstadt kann den Romanfiguren Leyla und Altay hingegen keinen endgültigen Halt bieten. Offene Grenzen und freie Reisemöglichkeiten werden hier nicht als bloße Bereicherung aufgefasst. Die ständige Ortsveränderung wird mit traumatischen Erfahrungen des Verlusts von vertrauten Orten (Geburtsort oder Heimat) in Verbindung gebracht. Die Figur des Nomaden funktioniert in der deutschsprachigen Migrationsprosa nicht als eine ‚Figur der Freiheit‘ im Sinne Schamma Schahadats. Durch die Praxis des rastlosen Reisens leben die Figuren weniger eine romantische ‚Polyhome-Praxis‘ aus, wie Christel Baltes-Löhr dies nennen würde, sondern nehmen vielmehr Bezug auf ihre Herkunfs-, Aufenthalts- und Lebensorte, die als palimpsestartige Räume aufzufassen sind.

Berlin als die „Stadt des Exils“ bleibt in Grjasnowas Texten als Nachbarschaftsraum ebenfalls sehr brüchstückhaft. In Leylas Kreuzberger Wohnung klopfen die Nachbarn gelegentlich mit einem Besenstiel gegen die Decke, wenn es zu laut wird und begegnen den Protagonist*innen selten für einen Small Talk im Treppenhaus. Leylas Freundin Jonoun zieht später im Text durch den Kiez rund um den Hermannplatz und die Weserstraße, der sich noch im Post-Silvester-Rausch befindet, und beobachtet das seltsame Vogelsterben. Als Altay nach seinem Nachtdienst im Krankenhaus bei Jonoun in Neukölln ankommt, kommt ihm folgende Assoziation: „Die Weserstraße musste beim Einmarsch der Roten Armee ähnlich ausgesehen haben wie an jenem Neujahrsmorgen.“10 Als sowjetisch sozialisierter junger Mann hat Altay wenig Sympathie für Berlins romantische Armut: „[I]hm [fiel] der eigentümliche Neuköllner Geruch auf, es roch nach Armut, ungewaschenen Körpern, billigem Parfum, fettigem Fleisch, Gummi und Klebstoff.“11 Um noch einmal Valja aus Salzmanns Außer sich zu zitieren: „Dafür war sie nicht gekommen.“12 Also heißt es – Weiterziehen!

  1. Sasha Marianna Salzmann: Außer sich, Berlin 2017, S. 103 f.
  2. Salzmann: Außer sich (Anm. 1), S. 101 f.
  3. Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt, München 2012, S. 51.
  4. Salzmann: Außer sich (Anm. 1), S. 104.
  5. Salzmann: Außer sich (Anm. 1), S. 108.
  6. Salzmann: Außer sich (Anm. 1), S. 110.
  7. Emilia Smechowski: Wir Strebermigranten, Berlin 2017, S. 29.
  8. Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt (Anm. 3), S. 9.
  9. Grjasnowa: Der Russe ist einer, der die Birken liebt (Anm. 3), S. 120.
  10. Olga Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer Ehe, München 2014, S. 144.
  11. Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer Ehe (Anm. 10), S. 144.
  12. Salzmann: Außer sich, S. 110.

Weitergehen

urban

Naturally, urban rejuvenation and the associated phenomena are not exclusive to the city of Berlin.

Mobilität

Nachbarschaft ist dann vor allem auch der Aktionsraum für Menschen, die keine Alternativen und weniger räumliche Mobilität haben.

Diversität

Sein neuer Arbeitgeber – ein international bekannter, avantgardistischer Architekt – bietet ihm hauptsächlich deswegen einen Job an, weil er Diversität als nützlich für sein eigenes Image einschätzt.

Armut

…dass in den kafkaesk tatenlosen Behörden die Realität hinter einem Schleier verschwindet und die mit der Armut naturgemäß verbundene Gewalt darum siegen wird.

postmigrantisch

Heute gehen viele davon aus, dass wir in einer postmigrantischen Gesellschaft leben; was nicht heißt, dass alle, die hier leben, sich hier auch schon zu Hause fühlen, nur weil ihr Name an der Klingel steht.

transkulturell

Umso größer ist die Aufmerksamkeit, die er der gesprochenen Sprache, der Mehrsprachigkeit und den sprachlichen Nachbarschaften innerhalb der pluri- und transkulturellen Stadt Libidissi widmet.

Unsichtbarkeit

Und genau diese Stellung zwischen Unsichtbarkeit und fortdauernder Präsenz in der Stadt jenseits des Todes scheint es zu sein, wovon Herrndorf in seinem Tagebuch träumt.

Sichtbarkeit

Noch bevor die geplante Übermalung das Gedicht von Eugen Gomringer in Berlin-Hellersdorf zum Verschwinden bringt, verleiht ihm das Banner am Max Liebermann Haus die verdiente weite öffentliche Sichtbarkeit.

Jude

Das Viertel, in dem sich meine Straße befindet, wurde „jüdische Schweiz“ genannt. Vor dem Krieg war ein Großteil seiner Bewohner angesehene Juden…

intim

…I’m compelled on a daily basis to get intimately involved with the fact that the occupants of the other apartments in the house in which I live in Lausitzer Strasse do not know how to park their bikes, do not know how to divide their trash, do not know that one is not meant to pile the communal areas full with old furniture and shoes.

Blicke

Dort, wo normalerweise eine Mischung aus Nachrichtenticker und Werbeprogramm die Blicke der Passanten auf sich zieht, leuchtete das Gedicht in einer 20 Sekunden dauernden und als Loop programmierten Animation vor dem bereits dunklen Berliner Himmel auf.

Antisemitismus

Dann beschrieben sie mir die Zunahme des Antisemitismus und die „kleinen Pogrome“, wie sie die Rempeleien und Verhöhnungen auf dem Schulhof nannten, die Schlinge, die sich immer enger zog, die Flucht in letzter Minute und ihre Entwurzelung in der neuen Welt.

Fenster

Ich denke an meine Mutter und ihren Lieblingsfilm „Das Fenster zum Hof“.

Armee

…dass hier ein Gläubiger der nationalsozialistischen Versprechungen und Verehrer des deutschen Militärs gestorben war, dessen Familienmitglieder bereits hochrangige Diener in der preußischen Armee sowie später auch in der Bundeswehr gewesen waren.

Nachkriegszeit

Diese Nähe spiegelt die prekären Wohnverhältnisse der Nachkriegszeit wider, die in einem weiteren Satz kommentiert werden. So heißt es…

Peripherie

Before the advent of the nation-state, borders were transitional spaces between two kingdoms, peripheries of two realms at once.

Anonymität

Ein Kommen und Gehen, Gespräche am Bürgersteig, weniger Anonymität.

flüstern

Wer spricht hier? Das indiskrete, wenn auch flüsternde Kollektiv.…

Zugehörigkeit

Meine Zugehörigkeit drückt sich vielleicht darin aus, dass der Chip an meinem Schlüsselbund den Restmüllcontainer ein paar Häuser weiter entsperren kann.

Herkunft

Denn welche Herkunft ist hier gemeint?

Treppenhaus

Aus allen Wohnungen verliefen Kabel ins Treppenhaus hinein, manche Türen standen offen, Farbeimer, Teleskopstangen und Abdeckvliese im Flur, gedämpfte Stimmen aus den angrenzenden Zimmern.

Guter Nachbar, guter Morgen; böser Nachbar, ewiger Krieg.

Wander, Deutsches Sprichwörter-Lexikon, 1873

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu auch Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.