Die Bedeutung eines Eigennamens ist der Gegenstand selbst, den wir damit bezeichnen; die Vorstellung, welche wir dabei haben, ist ganz subjektiv.
Gottlob Frege, Über Sinn und Bedeutung, 1892

Nur noch selten findet man heute in den Hauseingängen der Berliner Mietskasernen aus der Gründerzeit einen Stillen Portier. Dieser – zumeist eine hölzerne Tafel mit ebenso vielen Feldern, wie das Objekt Wohnungen aufweist, die jeweils mit den Namen der aktuellen Mieter bestückt wurden – bot Besuchern eines Hauses Orientierung, wer wo wohnte. Davon profitierten nicht nur Nachbarn, Freunde und Bekannte, sondern vor allem auch die Briefträger, die ihre Post in den dafür vorgesehenen Schlitz der Wohnungstür einzuwerfen hatten. Heute gibt es stattdessen meist normierte Briefkästen im Eingangsbereich und eine Gegensprechanlage, die nicht zuletzt verhindern soll, dass Fremde sich unbefugt Zutritt zum Haus verschaffen.

Wessen Name auf dem Klingelschild stehen darf, regelt in Deutschland das Mietrecht.1 Bürokratisch formuliert: Nur wer zum Gebrauch der Mietsache berechtigt ist, darf auf dem Namensschild am Briefkasten und an der Klingel genannt werden. Namen von Untermietern oder anderen Personen, mit denen der Mieter einen Haushalt teilt, dürfen nur dann dort auftauchen, wenn der Hauptmieter dem Vermieter gegenüber zur Untervermietung berechtigt ist. Ausnahmen sind Ehe- bzw. Lebenspartner und Kinder. Wer für die Anbringung des Namenschildes zuständig ist und für die Kosten aufzukommen hat, ist nicht in jedem Fall verbindlich geklärt (weshalb es auch gelegentlich zu Streitigkeiten kommt, die sich in diversen Internetforen nachverfolgen lassen2). Dort, wo Hauseigentümer bzw. Vermieter Wert auf ein gepflegtes Äußeres ihrer Immobilie legen, werden die Schilder in der Regel einheitlich gestaltet. Wo dies nicht der Fall ist, vermittelt sich der Eindruck eines bunten Durcheinanders. Andernorts, zum Beispiel in Spanien, Polen oder den USA, ist es gänzlich unüblich, Namen anzubringen, dort behilft man sich mit Wohnungsnummern. Auch hierzulande können Mieter übrigens das Recht geltend machen, ihren Namen nicht an der Klingel zu lesen.

2012 kam bei der Deutschen Post eine Briefmarke heraus, die das Klingelschild einer gepflegten Gegensprechanlage zeigt. Da es sich bei Briemarken um extrem verdichtete Bild-Text-Kombinationen im Miniaturformat handelt, lohnt es sich, diese genauer unter die Lupe zu nehmen. Sechs Familiennamen sind hier einheitlich mittig und gut lesbar in Großbuchstaben gesetzt. Thematisch geht es bei dieser von den Düsseldorfer Grafikern Jens Müller und Karen Weiland gestalteten Briefmarke um einen spezifischen Aspekt von Nachbarschaft, nämlich um den der Vielfalt. Diese ist auch, wie das dazugehörige Ersttagsblatt 27/2012 der Deutschen Post angibt, der „Anlass“ der Marke. Vielfalt meint hier eine Diversität, die angekommen ist, eingezogen in deutsche Nachbarschaften.

Aber das ist nicht die erste bundesdeutsche Marke, die das Thema aufgegriffen hat. Bereits 1981 gab es ein Sonderpostwertzeichen mit der Inschrift „Integration ausländischer Arbeitnehmerfamilien“. Daneben sind in realistischer Malweise sechs Menschen dargestellt, die einander zugewandt im Rahmen einer Wohnungstür stehen. Die Tür öffnet sich auf eine gegenstandslose himmelblaue Fläche. In der Mitte steht eine schwarzhaarige Familie (Mutter, Vater, Kind), um sie herum eine hellhaarige Familie (ebenfalls Mutter, Vater, Kind). Der blonde Mann hält einen Blumenstrauß in der Hand. Es muss wohl Wochenende sein und Tee und Kaffee stehen schon bereit … Im Text des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung heißt es auf dem dazugehörigen Ersttagsblatt 5/1981:

Im Jahre 1980 lebten etwa 4,4 Mio Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland. Die meisten von ihnen sind ausländische Arbeitnehmer mit ihren Familien. Eine große Zahl der über eine Million ausländischen Kinder ist hier im Lande geboren und aufgewachsen. Das macht die Bedeutung der Aufgabe deutlich, diese Menschen in unsere Gesellschaft so gut wie möglich einzugliedern.

1994 gab es eine weitere Marke mit vergleichbarer Ausrichtung, aber noch stärkerem Appellcharakter. Sie zeigt elf nebeneinanderstehende Menschen, die ein Banner vor sich halten, auf dem in Schreibschrift „Miteinander leben!“ zu lesen ist. Die Figuren sind gesichts- und namenlos, eine eindeutige Identität lässt sich diesen merkwürdig verpixelten Gestalten nicht zuweisen. Nur vereinzelt ist zu erahnen, ob es sich bei ihnen um Frauen oder Männer, Hell- oder Dunkelhaarige handelt. Eine einzige Person scheint eine deutlich dunklere Hautfarbe zu haben. Anfang der 1990er Jahre ging es angesichts einer um sich greifenden Fremdenfeindlichkeit in der kürzlich wiedervereinigten Republik noch immer – doch nun unter veränderten Vorzeichen – um „Integration“ und „Ausländer in Deutschland“. Die „Herausforderung durch das Fremde“ wurde als ein drängendes gesellschaftliches Problem verstanden.3

Zwischen 1981 und 2012 hat sich offenbar etwas verändert. Menschen mit Namen Yilmaz, Kaminski, Hanke, Peters, Krüger und Tozzi sind nun „in Deutschland zu Hause“, wobei das Wort „Deutschland“ tatsächlich fetter gedruckt ist: „in Deutschland zu Hause“. Im funktionalen Kontext dieser Briefmarke, der Beförderung von Poststücken, kommt dem Ländernamen somit eine doppelte Bedeutung zu: Er bezeichnet einerseits einen geographischen Ort, ein politisches Gemeinwesen, wo Menschen zu Hause sein können; andererseits bezeichnet er auf einem Postwertzeichen das Ausgabeland, in dem es eine Quittung für eine Gebührenverrechnung darstellt. Zu Hause in Deutschland sind aber nicht nur die namentlich genannten Bewohner dieses Hauses, sondern, wie die Marke behauptet, auch die „Vielfalt“ – eine Vielfalt, die sich in chronologischer Abfolge als Antwort auf die vorausgegangenen Appelle „Integration ausländischer Arbeitnehmerfamilien“ und „Miteinander leben!“ lesen lässt. Sie wird durch die unterschiedlichen Familiennamen am Klingelbrett symbolisiert – gerade so, als sei die Herausforderung bereits erfolgreich gemeistert worden.

Insofern die Ausgabe von Briefmarken in staatlicher Verantwortung liegt, sind diese ein Medium der politischen Ikonographie. Im Deutschland des Jahres 2012 ist das Bundesfinanzministerium zuständig, das in enger Abstimmung mit einem Programm- und einem Kunstbeirat professionelle Designer mit der Gestaltung beauftragt. Auf der Webseite des Finanzministeriums kann man noch heute folgende Erläuterung zu dieser Briefmarke nachlesen:

Geht man durch die Straßen in Berlin oder anderen deutschen Städten ist es inzwischen alltäglich und selbstverständlich, dass an den Haustüren Klingelschilder mit Namen zu finden sind, die auf die unterschiedliche Herkunft der Namensträger schließen lassen. Daher stimmten die Gäste der Briefmarkenpräsentation im Amtssitz der Bundeskanzlerin dem Bundesfinanzminister in seiner Einschätzung zu, dass die Vielfalt in Deutschland nicht nur Normalität, sondern auch Bereicherung sei.4

Hier ließe sich einwenden, dass, nur weil etwas „alltäglich und selbstverständlich“ geworden ist, es sich dabei noch lange nicht um eine „Bereicherung“ handeln muss. Vielfalt als Bereicherung – und nicht als Bedrohung – anzusehen, wird aber vom Staat propagiert: Mehr als fünf Millionen Mal wurde diese Botschaft deshalb auf eine Briefmarke im Wert von 55 Cent gedruckt, dem damaligen Standardporto für einen Brief – auf dass sie möglichst oft verschickt werde und weite Verbreitung finde.

Die Namen sollen vor diesem Hintergrund Assoziationsräume eröffnen: Ein Name klingt eindeutig türkisch (Yilmaz), einer italienisch (Tozzi). Drei Namen (Hanke, Peters, Krüger) hören sich deutsch an. Bei ihnen handelt es sich genau besehen um Familiennamen, die signifikant häufiger in der Nordhälfte Deutschlands verbreitet sind. Sollte es dieses Klingelbrett tatsächlich gegeben haben, dann hing es vermutlich in der nördlichen Hälfte der alten Bundesrepublik.

Bei Kaminski liegen die Dinge etwas komplizierter. Der Name klingt zwar polnisch, doch wer einmal in einer deutschen Mietskaserne gewohnt hat, wird auch Nachbarn mit ähnlich klingenden Namen gehabt haben. Oft genug sind sie seit vielen Generationen Deutsche (haben heute also nicht einmal mehr offiziell einen Migrationshintergrund). Besonders häufig ist der Name Kaminski in Nordrhein-Westfalen. Man könnte vermuten, dass ein Ahnherr dieser Briefmarken-Kaminskis zur Gruppe der sogenannten Ruhrpolen gehört hat, die im 19. Jahrhundert aus Polen vor allem in den Ruhrpott eingewandert sind, um dort ihren Lebensunterhalt im Bergbau zu verdienen. Möglicherweise ist Kaminski insofern auch der aufschlussreichste dieser Namen, zeigt er doch, wie problematisch der Rückschluss von einem Namen auf die „Herkunft der Namensträger“ ist (wie ihn die „Gäste der Briefmarkenpräsentation im Amtssitz der Bundeskanzlerin“ in sicherlich wohlmeinender Absicht zogen). Denn welche Herkunft ist hier gemeint? Geht es um den eigenen Geburtsort, den der Eltern, den der Großeltern? Oder nicht viel eher um den Ursprung des Namens, der oft eine lokale Referenz beinhaltet oder auf handwerkliche Tätigkeit zurückgeht (wie „Krüger“ beispielsweise den Pächter oder Inhaber des Dorfkrugs bezeichnete)? Streng genommen lässt sich am Namen allenfalls die Herkunft des Namens selbst ablesen.

Die Einsicht, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, war lange Zeit umstritten. Sie dürfte sich aber mittlerweile durchgesetzt haben, spätestens seit klar geworden ist, dass die einstmals sogenannten Gastarbeiter nicht wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren würden. Demographische Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2011 (als die Planungen für die Briefmarke spätestens aufgenommen worden sein dürften) hatten annähernd 20 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, d. h. es handelt sich um Menschen und deren Nachkommen, die seit 1949 von außerhalb in das heutige Bundesgebiet eingewandert sind. Der Gesamtanteil der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit lag zur gleichen Zeit bei etwas über acht Prozent. Zum Klingelbrett auf der Briefmarke passen diese Zahlen ganz gut, wenn man sich der naiven Briefmarkenpräsentationslesart anschließt, dass der Name eines Menschen auch Auskunft über dessen Herkunft gibt (Kaminski könnte ja auch ein junge polnische Erasmus-Studentin sein, Yilmaz ein Schweizer Fußballer und Peters ein amerikanisches Künstlerpaar). Heute gehen viele davon aus, dass wir in einer postmigrantischen Gesellschaft leben; was nicht heißt, dass alle, die hier leben, sich hier auch schon zu Hause fühlen, nur weil ihr Name an der Klingel steht.

Namen mögen also eher indirekt und ohne Gewähr auf die nationale, ethnische oder familiäre Herkunft eines Menschen verweisen. Aber sie tragen ebenso zu dem Bild bei, dass sich andere von einem machen (zum Beispiel am Telefon), wie auch zur individuellen, rechtlichen Identifizierung. Da sie deshalb zu den personenbezogenen Daten gehören, wurde im Kontext der Datenschutz-Grundverordnung (DGSVO) mittlerweile auch die Anonymisierung von Klingelschildern diskutiert; diese sind aber wohl nur am Rande von den neuen Regelungen betroffen. Gleichwohl zeigt sich unser heutzutage sensiblerer Umgang mit Daten aller Art an anderer Stelle: Das Ersttagsblatt von 2012 gibt ordnungsgemäß einen Bildnachweis an: „Klingelschild mit Familiennamen © istockphoto.com/Zmeel Photography“. Der Link zur Bildagentur führt mittlerweile jedoch nicht mehr zu dem entsprechenden Foto. Zwar hält iStockphoto noch immer unzählige Bilder von Klingelschildern bereit, doch sind auf ihnen keine Namen mehr zu lesen, anhand derer konkrete Nachbarschaften tatsächlich identifizierbar wären: Angesichts der digitalen Möglichkeiten wäre ein Haus, in dem die Familien Hanke, Krüger, Kaminski, Peters, Tozzi und Yilmaz wohnen, wohl ohne größere Schwierigkeiten zu ermitteln, Persönlichkeitsrechte könnten verletzt werden. Möglicherweise werden zum Schutz der Privatsphäre die Namen der Nachbarn an der Klingel in den nächsten Jahren ganz verschwinden.

*Aus urheberrechtlichen Gründen ist bei einer Nutzung der Abbildung zwingend eine Abbildungserlaubnis einzuholen. Anfragen zur Nutzung der Bilder bitte an LC5@bmf.bund.de.

  1. „Namensschild am Briefkasten und Klingelschild – Wer darf dran stehen?“, mietrecht.org, 29.07.2015, https://www.mietrecht.org/mietvertrag/namen-briefkasten-klingel/ 
  2. z.B. https://www.finanzfrage.net/g/frage/wer-zahlt-klingelschild, https://www.mietrecht.de/forum/thread/11936-bezahlen-bei-fuer-namensschilder-bei-neueinzug/.
  3. So beispielsweise der Name einer interdisziplinären Arbeitsgruppe an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, https://www.bbaw.de/forschung/die-herausforderung-durch-das-fremde/projektdarstellung
  4. ,In Deutschland zu Hause‘ — Briefmarkenpräsentation im Bundeskanzleramt“, Bundesfinanzministerium, 03.07.2012, https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Service/Briefmarken/2012–07-03-praesentation-Vielfalt.html

Weitergehen

Vermieter

Im Hinblick beispielsweise auf den aktuellen Berliner Wohnungsmarkt kann man Vermieter*innen diese Klugheit nicht mehr absprechen, wenn bröckelnder Stuck als hochwertige Deckenverkleidung bezeichnet und als mietsteigernde Ausstattung eingepreist wird.

Vielfalt

Nachbarschaftliche Beziehungsnetze sind heute also vor allem durch den Wegfall vieler dieser niedrigschwelligen Orte der Zusammenkunft gefährdet – derjenigen Orte, an denen auch genau jene Toleranz und Inklusion praktiziert und erneuert werden, die für das Zusammenleben in der Stadt der Vielfalt so wichtig sind.

Wohnungstür

…brach die verschlossene Wohnungstüre mit der Schulter auf, wusste die Registriernummer der Wohnung, kannte die Miethöhe und die Kontonummer zum Einzahlen. So lief das damals.

Schweiz

Eine denkt an einen See in der Schweiz.

Vater

Mum and Dad finally got on board with the idea of a gay son, so the story has a happy ending.

Migrationshintergrund

Ich beobachte eine ähnliche Müdigkeit bei Freund*innen mit Migrationshintergrund, mit Behinderung, mit nicht heteronormativen Beziehungen oder mit nichtchristlichen Religionen. Viele sind ihrer Botschafterrolle überdrüssig.

Wochenende

Die Männer, die vor den Cafés saßen oder gerade beim Fleischer oder im Gemüsesupermarkt fürs Wochenende eingekauft haben, betreten den Gang.

Kaffee

Er war Requisiteur an der Oper. Man quatschte miteinander. R. lud auch mal auf einen Kaffee ein.

Foto

Hektisch schoss ich einige Fotos und überlegte dabei, ob ich den Hitler in meinem Ärmel verschwinden lassen sollte…

Haustür

In den Wochen des ersten Lockdowns im Frühjahr war ich vor allem auf den Nahbereich meiner Zimmerreisen im Familienumkreis und auf den Umgang mit der ungewohnten physischen Distanz zu anderen Passant*innen vor der Haustür konzentriert…

Stiller Portier

Der ‚Stumme Portier‘ im Eingangsbereich des Altbaus im kleinen Moabiter ‚Protestantenviertel‘ (aka ‚Thomasiuskiez‘), in dem ich wohne, hat noch weniger zu sagen als früher…

Tür

…die sich durch Inflation und Wohnungsnot gezwungen sahen, mit Menschen aus anderen Verhältnissen „Tür an Tür zu hausen.“

Staat

Er war dann irgendwie in der Obhut des Staates, man sagte uns nicht, in welcher Weise.

Ausländer

Fast vollständig eingeschlossen von der ringförmigen Hauptstraße, dem „Boulevard Der Meinungsfreiheit“, ist es ein „für Ausländer verbotenes Viertel“.

Fremde

Hinweise auf ein geplantes Großattentat religiöser Fanatiker und auf eine tödliche Krankheit namens „Mau“, der mehr und mehr Einheimische und Fremde zum Opfer fallen.

Eingangsbereich

Das Denkmal Herrndorfs finde ich ein Stück hinter dem Eingangsbereich zum Strandbad Plötzensee gleich neben dem Radweg.

Gestaltung

Die Idee einer „Kunst am Bau“, welche zum Teil direkt aus den Baumitteln finanziert wird und von Anfang an Bestand der architektonischen Gestaltung ist, war in beiden deutschen Staaten etabliert…

Brief

Habt ihr auch diesen Brief mit der absurd hohen Mieterhöhung bekommen?

In früheren Zeiten konnte einer ruhig vor seinem vollen Teller sitzen und sich’s schmecken lassen, ohne sich darum zu kümmern, dass der Teller seines Nachbarn leer war. Das geht jetzt nicht mehr, außer bei den geistig völlig Blinden. Allen übrigen wird der leere Teller des Nachbarn den
Appetit verderben.

Marie von Ebner-Eschenbach, Das Gemeindekind, 1887

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu auch Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.