Letztes Jahr war ich mit einem Aufenthaltsstipendium in einer Villa in Pacific Palisades. Schon vor der Abreise aus Berlin hatte ich einer Freundin, die ich von meinem Bachelorstudium in den Nullerjahren in Seattle her kannte, gemailt. Obwohl wir uns in den letzten 20 Jahren nur sporadisch gesehen hatten, war der Kontakt nie abgerissen. Ich wusste, dass Chester on und off in der Bay Area lebte. Lange hielt sie es nie aus, dennoch war sie bisher immer wieder dorthin zurückgekehrt. „Vielleicht bin ich einfach noch nicht fertig mit diesem Ort“, schrieb sie in ihrer Antwortmail. „Oder der Ort ist noch nicht fertig mit mir.“ Anstelle eines Punktes hatte sie ihren Satz mit einem Frowning Face, auf das ein Smiley folgte, beendet.
Chester hatte sich in Sausalito im Bungalow einer Bekannten eingemietet. Obwohl sie der Commute ins Silicon Valley, wo sie als Coach und Consultant für Mindfulness arbeitete, neuronal überstrapazierte, bevorzugte sie die beschauliche Kleinstadt nördlich der Golden Gate Bridge, die ihrem spanischen Wortursprung nach ‚Kleine Weide‘ heißt. Auf Wikipedia war unter der Rubrik „Literarische Verarbeitung“ außerdem vermerkt, dass Jack London das Städtchen ausgewählt hatte, um seinen Ich-Erzähler in Der Seewolf an Bord einer Fähre gehen zu lassen, die ihn über die Bucht nach San Francisco bringen soll, im dichten Nebel aber von einem Dampfer gerammt wird und sinkt. Die Szene ist dem Roman vorgeschaltet, um erzähltheoretisch zu plausibilisieren, wie der Literaturkritiker und „Schöngeist“ (Wikipedia) Humphrey van Weyden unversehens auf die Ghost gerät, einen Robbenschoner, der von einem tyrannischen Kapitän gesteuert wird, der erst den Erzähler und später, als das Schiff diesen bereits gegen seinen Willen auf hohe See getragen hat, die schiffbrüchige Erfolgsautorin Maud Brewster aus dem Wasser zieht, was dem Plot überraschend den Twist einer komplett unwahrscheinlichen, mild trashigen Lovestory gibt.
Chester hatte über die Jahre für fast alle großen Techfirmen im Valley gearbeitet, diesmal war sie von Apple angeheuert worden. Es war allgemein bekannt, dass man nur auf den Campus gelangte, wenn man persönliche Kontakte mobilisieren konnte, weshalb ich Chester sofort fragte, ob sie mir Zutritt zur Zentrale verschaffen würde. Während sie zwei Workshops gab, irrte ich durch das Headquarter im Design eines monumentalen Aerobie Wurfrings, der von oben betrachtet mitten in einem weitläufigen Waldstrich hängen geblieben ist, organisierte einen Softdrink, überhörte arbiträre Smalltalks, schlenderte durch den bukolischen Park im Inneren des Apple-Rings, die verhältnismäßig dichten Baumbestände wechselten in einem intuitiven Rhythmus mit extrem grünen Rasenabschnitten. In der Nähe des Fitnesscenters besichtigte ich den alten Schuppen, den eine Einwandererfamilie dort 1916 für eine Aprikosenfarm errichtet hatte. Apple hatte den Glendenning Barn für den Bau der Konzernzentrale auseinandergenommen und anschließend originalgetreu und nur wenige Meter von seinem ursprünglichen Standort entfernt wieder zusammenmontiert. Jetzt wurden dort firmeneigene Gärtengeräte und Sportequipment aufbewahrt.
Wir hatten vereinbart, dass wir im Anschluss an Chesters Workshop eine Tour durch das Silicon Valley machen würden. Ich hatte die Orte, die ich abklappern wollte, vorab recherchiert und eine Skizze angefertigt, wie wir die Sites vorteilhaft abfahren konnten. Oben auf meiner Liste stand Steve Jobs’ Garage, die nur zehn Autominuten vom Apple-Campus entfernt ist. Fälschlicherweise war die Garage anstelle von Jobs’ elterlichem Wohnzimmer auratisiert worden, was aber kaum jemanden kümmerte, obwohl Jobs’ Partner Steve Wozniak mehrfach darauf hingewiesen hatte, dass er den ersten Apple-Computer im Wohnzimmer der Jobs, nicht in der Garage gelötet hatte. Erst als die ersten Aufträge eingetrudelt waren und den Jungs das Wohnzimmer zu klein wurde, hatten sie sich in die ebenfalls nicht sehr geräumige Garage zurückgezogen.
Als wir vom Highway nach Los Altos abfuhren, erzählte ich Chester, dass ich gelesen hatte, dass pro Woche deutlich über hundert Menschen die Garage aufsuchten. Marilyn Jobs, Steves Stiefmutter, die dort noch mehrere Jahre gewohnt hatte, hatte praktisch nicht aus dem Haus gehen können, ohne auf einen Typen zu treffen, der am Rinnstein lungerte, wo er definitiv nicht hingehörte. Außerdem kursierten Berichte von Nachbarn, die sich beschwerten, dass sich wildfremde Gestalten irrtümlicherweise vor ihrem moderaten Countryhouse herumtrieben. Trotz der Verbotsschilder, die neben der Garagenauffahrt steckten, gab es immer einen Schlaumeier, der vor das Garagentor schlich und, einen Daumen erhoben, debil exaltiert die Zähne in die Kamera fletschte. Die Zeiten, als sie noch ein „Der Schuppen nebenan!“ aus dem Fenster brüllten, nicht selten mit einem saftigen Kraftwort garniert, waren schon lange vorbei. Statistisch gesehen handelte es sich bei diesen Menschen eher um Europäer oder Asiaten als Amerikaner, eher einen Mann als eine Frau, was aber nicht hieß, dass man nicht verlässlich darauf wetten konnte, alle paar Tage auch eine kompetente Mum aus dem mittleren Westen anzutreffen, die ihre Zwillingstöchter auf die Rückbank ihres Prius geschnallt hatte. Die Schaulustigen kommen, obwohl sie wissen, dass es dort nichts zu sehen gibt außer einem maximal durchschnittlichen Holzhaus im California-Ranch-Style, wie es in millionenfacher Ausfertigung, das heißt in Fertigbauweise, nicht nur in Kalifornien steht.
Abends saßen wir im Jacuzzi vor Chesters Bungalow, die Luft war kühl, man konnte den Nebel, der hier regelmäßig über den Bergrücken glitt und die Golden Gate Bridge und die angrenzende Bucht in einen undurchsichtigen Dunst hüllte, in der Dunkelheit der Nacht nur spüren, nicht sehen. Tagsüber nahm der Nebel manchmal die Gestalt einer Schlange an, die mal einköpfig, mal mehrköpfig die Hänge hinunterkroch und sich träge auf dem Wasser der Bucht einrollte. In regelmäßigen Intervallen sprangen die Jetdüsen an, ließen das warme Wasser in fluoreszierenden Maulwurfshügeln sprudeln, während ich vor meinem inneren Auge die Stationen unserer Tagestour durchging – plötzlich den Gedanken im Kopf, dass der Computer doch gar nicht hier, sondern in Berlin erfunden worden war. In meinen Recherchen über die Digitalindustrie war ich mehrfach darauf gestoßen, wie Konrad Zuse während des Zweiten Weltkriegs in Kreuzberg das gebastelt hatte, was man später als die erste programmgesteuerte Universalrechenmaschine der Welt bezeichnete.
„Ich lebe seit über zehn Jahren in Berlin“, sagte ich zu Chester, die mit geschlossenen Augen rücklings im Pool trieb, „ich habe in über fünf Bezirken Berlins, darunter auch Kreuzberg, gewohnt, aber es hat mich nie gejuckt, dass Konrad Zuse den Computer in Kreuzberg erfunden hat.“
„Was erzählst du?“, erwiderte sie nach einer Pause, die möglicherweise signalisieren sollte, dass sie keine Lust hatte zu plaudern, oder zumindest nicht über Zuse oder Computer.
„Eben. Wie kann es sein, dass jeder in Berlin Steve Jobs’ Garage kennt? Frag aber mal bei Apple, wobei natürlich dasselbe für Google gilt, wem Konrad Zuse was sagt. Vermutlich wird man dich mit leuchtenden Augen fragen, ob du den Kinderbuchautor Dr. Seuss meinst.“
„ … “
„Wie kann es sein“, fragte ich Chester, ohne dass sie erkennen ließ, ob sie mir zuhörte, „dass ich nie auf den Gedanken gekommen bin, nach dem Wohnzimmer zu schauen, in dem Zuse den ersten Computer der Welt gebaut hat, während ich mich hier ganz selbstverständlich in eine Schlange tausender Männer aus der ganzen Welt einreihe, um Steve Jobs’ Garage zu besichtigen? Warum ist Steve Jobs’ Garage magisch geworden, Konrad Zuses Wohnzimmer aber nicht?“
Ich hatte mir mein iPhone geangelt und per Sprachbefehl flüsternd „Konrad Zuses Wohnzimmer in Kreuzberg“ in die Maske diktiert, vor meinem inneren Auge konnte ich bereits sehen, wie das iPhone aus meinen feuchten Fingern in den warmen Pool glitschte. Ich benötigte nur wenige Klicks, um herauszufinden, dass Zuse die Arbeit an seinem ersten Computer 1935 in der Wrangelstraße begonnen hatte, im Folgejahr waren seine Eltern in die Methfesselstraße 10 umgezogen, wo er erst die Z1, dann die Z2 zusammenstückelte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits eine Handvoll Mitarbeiter, mit denen er nicht mehr nur das Wohnzimmer, sondern mehrere Räume der elterlichen Wohnung in Beschlag genommen hatte. 1941 gründete er in einer Werkstatt im gegenüberliegenden Haus, der Methfesselstraße 7, „Zuse-Apparatebau“, wo er am 12. Mai 1941 die Z3, den ersten programmgesteuerten Computer der Welt präsentierte. „Ich kenne die Nachbarschaft“, erklärte ich sofort, „gut sogar. Man muss lediglich 200 Meter von Zuses Wohnzimmer die Methfesselstraße leicht hangaufwärts spazieren und ist im Viktoriapark, in dem ich schon oft gewesen bin.“
Tatsächlich hatte ich ein Jahr in der Nähe des Viktoriaparks gewohnt, war über Jahre in einen Veranstaltungsort am Mehringdamm gegangen, nur zwei Blöcke von Zuses Wohnzimmer entfernt. „Ich bin in zahlreichen Cafés und Kneipen wie dem Haifisch oder der Barbie Bar gewesen“, fuhr ich fort, „die keine 500, und habe Lahmacuns und vieles andere in Läden gegessen, die keine 300 Meter von Zuses Wohnzimmer entfernt sind. Weder habe ich gewusst, dass Zuse dort den ersten Computer der Welt gebaut hat, noch hätte es mich vermutlich interessiert, wenn ich es gewusst hätte. Warum?“
Die Frage, warum Steve Jobs gelungen war, was Konrad Zuse nicht gelungen war – seine Garage in einen Mythos zu verwandeln –, ließ mich nicht los, auch als ich längst wieder zurück in der Stipendiatenvilla in Pacific Palisades war. Immer wieder kehrte ich zu den unzähligen Aufnahmen und Videos im Internet zurück, die Steve Jobs’ Garage aus zum Teil mikroskopisch variierenden Blickwinkeln in minimal voneinander abweichenden Variationen zeigten. Ohne Weiteres hätte man eine Montage anfertigen können, die vorführte, wie sich das Haus bei konstant blauem Himmel, der in geschätzt vierzig Prozent der Bilder mit einer spezifischen Wolkenformation versehen war, über die Jahre schleichend veränderte. Beispielsweise wurde mehrmals der freistehende Briefkasten ausgewechselt, mal gab es einen Zaun, der parallel zur Garagenauffahrt montiert war, dann fehlte er wieder; die markantesten Abweichungen rührten aber zweifellos von der Bepflanzung im Vorgarten, besonders die Beete links neben dem Pfad zur Haustür und entlang der Hausfront wiesen mitunter gravierende Differenzen auf. In einer endlosen Galerie von Videosequenzen rollten Menschen mit heruntergelassenen Fenstern in Schrittgeschwindigkeit stalkerhaft am Crist Drive Nr. 2066 vorbei, während sie in dutzenden Sprachen gedämpft euphorisierte Monologe nuschelten, in denen, selbst wenn man die gesprochene Sprache nicht identifizieren konnte, mindestens einmal, in der Regel aber sehr viel öfter, der Name Steve Jobs zu identifizieren war.
Ich hatte begonnen, mir sämtliche Gründe zu notieren, die dafür oder dagegen sprachen, dass die Menschen zu Jobs Garage pilgerten, niemand aber zu Zuses Wohnzimmer. Zuses Arbeitsstätte war zerbombt worden, erst im Haus Nummer 7, dann in der Nummer 10, auf beiden Grundstücken klafft bis heute eine Baulücke, nur eine Plakette an der Backsteinmauer der nichtexistenten Nummer 7 weist den Ort als Geburtsstätte aus, an dem die Z3 als „erster funktionsfähiger Computer der Welt in Betrieb ging“.
Auffallend ist, dass Zuse die deutlich bessere Story hätte vorlegen können als Jobs. Angefangen von der vagen Idee, eine Rechenmaschine zu bauen, in der niemand einen Zweck sah. Jeder, den Zuse fragte, riet ihm davon ab; erst verhältnismäßig spät scheint er sich die Mühe gemacht zu haben, den Bau seiner Maschine zu legitimieren. 1942 notierte er sich beispielsweise, dass Computer sich bestens für die „systematische Rassenforschung, Ahnenforschung und als Unterlage für die Vererbungslehre“ eignen könnten. Zu Beginn arbeitete er noch als Statiker bei den Henschel-Flugzeugwerken in Schönefeld, Hilfe holte er sich bei ehemaligen Kommilitonen von der TU, sein Steve Wozniak war Helmut Schreyer. Zur Story gehört ferner, wie Zuse nach Kriegsbeginn zweimal einberufen und wieder freigestellt wurde, wie er sein Start-up „Zuse Apparatebau“ gründete und qualifizierte Mitarbeiter, die kriegsbedingt rar waren, vom Fernmeldesprechamt des Oberkommandos der Wehrmacht in der Bendlerstraße engagierte, wo die gut ausgebildeten Techniker sich langweilten, weil ihr Job zu einem erheblichen Grad automatisiert worden war. In der Dienststelle am Landwehrkanal beschaffte Zuse außerdem notwendiges Material, an das er aufgrund der kriegsbedingten Knappheit kaum gekommen wäre, während es dort in einem Abfalleimer landete.
Der anekdotische Stoff schien eher too much, nicht zu läppisch, um eine gute Story zu stricken, überlegte ich. Bevor Zuse von Rüstungsbetrieben und NS-Institutionen eine viertel Million Reichsmark für die Entwicklung seiner Rechenmaschinen erhielt, war da beispielsweise noch seine Schwester, die schon gleich zu Beginn an die Erfindung des Bruders glaubte und ihn mit ihrem Einkommen finanziell unterstützte, woraufhin der verrentete Vater sich nicht lumpen lassen wollte, der Tochter gleichzog und seine Arbeit wieder aufnahm, um ins Start-up seines fünfundzwanzigjährigen Sohns zu investieren. Auch der einsetzende Bombenhagel macht sich gut in dieser Geschichte. Der Luftkrieg stachelte Zuse in seinem Eifer nur noch weiter, selbst als beide Häuser einschließlich der Z1 und Z2 plus sämtlicher Unterlagen pulverisiert wurden. Ebenso ließe sich pointenreich schildern, wie Zuse die Arbeit im Industriehof in der Oranienstraße 6 bei täglichem Fliegeralarm unbeirrt fortsetzte. „Der feindliche Ring um Deutschland zog sich 1944 mehr und mehr zusammen“, merkt Zuse in seinen Memoiren Der Computer mein Lebenswerk an. An dem heiklen Punkt erfolgte der Auftritt Walter Dornbergers, des für das deutsche Raketenprogramm zuständigen Generalmajors, dem auch Wernher von Braun unterstand. Dornberg half Zuse die Z4 auf einen Zugwaggon nach Göttingen zu buchen. Die Flucht mit seinen engsten Mitarbeitern gelang nur, weil Zuse in sämtlichen Unterlagen die Bezeichnung Z4 durch V4 ersetzen ließ, um vorzutäuschen, dass das Gerät etwas mit den berüchtigten Vergeltungswaffen von Brauns zu tun hätte. Schließlich war da noch die Flucht ins bayerische Hinterland, für die die Z4 in einen Militärlaster verladen wurde. Angekommen in Oberjoch versteckte Zuse die Anlage in einem Bauernhaus und wartete gemeinsam mit dem Stab um den teutonischen Raketenpionier, der Anfang der Dreißiger zur gleichen Zeit wie Zuse Seminare an der TU in Berlin-Charlottenburg besucht hatte, den Anmarsch der Alliierten ab. Als die „Überrollung im Allgäu“ über Zuse hinweggegangen war, erfolgte dann der Wiederaufbau der Maschine in einer Allgäuer Mehlfabrik, während Zuse als junger Vater seinen Unterhalt als Kunstmaler idyllischer Berg- und Landszenen bestritt, die er amerikanischen oder französischen Soldaten unterjubelte, die in den bayrischen Alpen umherirrten.
Während ich in den Arbeitspausen durch Pacific Palisades oder benachbarte Stadtteile wie Brentwood lief oder fuhr, die Villen ehemaliger deutscher Exilanten aufsuchte, die vor dem Nationalsozialismus geflohen waren, oder mich in den nahegelegenen Santa Monica Mountains sportlich verausgabte, überlegte ich, unter welchen Bedingungen eine Garage oder ein Wohnzimmer mythisch werden kann. Zuses Wohnzimmer ließ mich selbst dann nicht los, als ich es schließlich aktiv zu vergessen versuchte. Irgendwann konnte ich in meinen Grübeleien wenig mehr als den Ausdruck einer allgemeinen Zerstreutheit erkennen, die daher rührte, dass es mir aus unerfindlichen Gründen unmöglich war, in der Stipendiatenvilla in Pacific Palisades ernsthaft zu arbeiten. Wahllos blätterte ich in Büchern, die ich nach zehn Seiten wieder zur Seite legte. Oder ich saß stundenlang im Garten, der an mindestens zwei Tagen der Woche von Fachpersonal in Schuss gehalten wurde, das mit motorisierten Geräten in ganz unterschiedlichen Größen hantierte, während ich in gewaltigen Mengen wässrigen Kaffee schlürfte und darauf wartete, dass der Lärm sich legte und der Nebel sich lichtete und zwischen den getrimmten Stauden, Sträuchern und Bäumen hindurch die Sicht auf den Pazifik freigab, der höchstens einen Kilometer entfernt friedlich ruhte. Während über Los Angeles der Himmel monochrom strahlte, blieb Pacific Palisades in diesem Spätfrühling meist bis in die frühen Mittagsstunden in Nebel gehüllt. Anders als Londons Ich-Erzähler in Der Seewolf, der den Nebel in der Bay Area bis zum Zusammenstoß mit dem Dampfer als hochromantisch empfand, rieb er mich innerlich auf, weil ich in der grauen Dunstglocke meine momentane Orientierungslosigkeit zu erkennen meinte. Londons Abenteuerroman arbeitet sich an dem metaphysischen Dilemma ab, dass man in einer von ubiquitärer Gewalt geprägten Sozialordnung töten muss, um zu schützen, was man liebt. Dies droht aber gleichzeitig die Seele zu töten, die den Glauben an die Werte und eine Welt garantiert, in der Raum für das Wunderbare bleibt. Ich hatte Londons Roman in der rustikalen, insgesamt eher eklektischen Bibliothek der Stipendiatenvilla gefunden.
Obwohl ich den Aufenthalt in der Villa mit großen Erwartungen angetreten hatte, war ich erleichtert, als ich schließlich wieder im Flieger nach Berlin saß. Zu Hause trat zunächst ein, was ich erwartet hatte: In meinem Berliner Alltag war Zuses Wohnzimmer komplett vergessen. Dachte ich dennoch daran, konnte mich nichts dazu motivieren, die Gedenktafel in der Methfesselstraße aufzusuchen, deren Foto ich im Internet und auf Google Streetview mehrfach aufgerufen hatte. Warum auch?
Unerwartet führte mich dann ein Date dorthin. Nach einer längeren Pause hatte ich mein Konto auf einem der größeren Partnerschaftsportale reaktiviert und mich mit einer Frau, deren Profil signifikante Überschneidung mit meinem aufwies, am Viktoriapark getroffen. Wir hatten im Gras gesessen, größtenteils assoziativ geplaudert, als mir scheinbar wie aus dem Nichts Zuses Wohnzimmer in den Sinn kam. Ich meinte, positive Vibes zwischen uns zu spüren und erklärte mit einer auf mich selbst eher befremdlich wirkenden Begeisterung, dass wir jetzt, in diesem Augenblick unbedingt in die Methfesselstraße gehen müssten. Auf dem Weg erzählte ich Aluna vom eigentümlichen Schicksal von Zuses Erfindung, die im Grunde vollkommen unbedeutend geblieben war. Obwohl berühmte Persönlichkeiten wie Steve Wozniak nachträglich erklärt hätten, dass Zuse „unser aller Vormacher“ gewesen wäre, hatte Zuse in Wahrheit nie einen Nachmacher gehabt. Vielmehr hatten die Entwicklungen mit geringen zeitlichen Differenzen parallel stattgefunden. Zuses erste Computer waren Unikate geblieben, seine Patente absolut wertlos. In gewisser Hinsicht ließ sich die Z3 als Kunstwerk betrachten, nicht viel anders als die halbabstrakten, expressionistischen Malereien, die Zuse später leidenschaftlich und in großer Anzahl anfertigte. „Einen PC“, ergänzte ich, „hat er sich übrigens nie zugelegt, außerdem hat er nur ein impressionistisches Portrait von Bill Gates, nicht von Steve Jobs gemalt. Ist es nicht merkwürdig“, fragte ich, während ich mit einem vorsichtigen Seitenblick abzuschätzen versuchte, ob Aluna mir noch immer zuhörte, „dass es sich bei den ersten Computern um sogenannte Universalrechenmaschinen handelt, die aber einzigartig und anders als alle anderen programmgesteuerten Universalmaschinen funktionieren? Sogar Zuse musste sich, als er sich in den späten Achtzigern selbst nachahmen und eine Z1 für ein Museum rekonstruieren sollte, auf seine höchst unzuverlässige Erinnerung verlassen; immerhin hatte er in seinem Leben insgesamt 250 Rechenmaschinen gebaut, was exakt der Hälfte der Ölgemälde entspricht, die er in seinem Leben gemalt hat.“

Foto: Philipp Schönthaler

Als wir an der Stelle angekommen waren, an der früher die Gedenktafel angebracht war, war sie weg. Nur die silberne Metallplatte, auf der sie montiert gewesen war, war noch da, aber auch sie war fast vollständig unter Efeuranken verschwunden. Wir standen ein wenig ratlos vor der baufälligen Backsteinmauer, linsten durch die Gitterstäbe des mittig in der Mauer angebrachten Eisentors, überquerten dann schweigend die Straße. Das Grundstück der Nummer 10 war durch einen Zaun abgeschirmt, der zugewachsen war, wir mussten eine Weile suchen, bis wir ein Loch fanden, durch das wir hindurchschauen konnten. Es war nur wenig zu sehen. Ich meine, es war Alunas Idee, jedenfalls waren wir mit nicht geringer Mühe über den Zaun gekraxelt.
Im Garten war es auffallend kühl, mehrere schlanke Bäume, von denen ich nur eine Weide mit einiger Sicherheit identifizieren konnte, warfen Schatten, die Pflanzen hatten den Garten vollständig okkupiert. Nahe der Brandschutzmauer, die den Garten zu einer Seite hin abgrenzte, standen Weinreben. Aluna schlängelte sich durch die hüfthohen Gräser und wildrankenden Sträucher, ich wartete, ging ganz selbstverständlich davon aus, dass sie jeden Augenblick umkehren würde. Stattdessen verschwand sie.
Ich folgte ihr, anfangs noch darauf bedacht, mich möglichst vorsichtig durch die Flora zu bewegen, während ich mich fragte, was es bedeutete, dass diese Geburtsstätte des ersten Computers der Welt sich über die letzten achtzig Jahre offenbar in einen verlassenen und sich selbst überlassenen Garten verwandelt hatte – so als hätte hier jemand den Glauben daran wachhalten wollen, dass es eine Welt jenseits der Computer gab, eine Realität, in der Computer erfunden und ebenso einfach wieder vergessen werden könnten, in der es also überhaupt nicht ausgemacht war, dass die Zukunft den digitalen Technologien gehören sollte, in der sie einfach immer weiter unter die Haut der belebten und unbelebten Materie vordringen würden. Ich hatte Aluna aus den Augen verloren, rief ihren Namen, der mir plötzlich, als ich ihn aus meinem eigenen Mund vernahm, höchst unwahrscheinlich vorkam. Während ich auf ein Zeichen von ihr horchte, vernahm ich zum ersten Mal das hochfrequente Flirren der Insekten, Wind, der blind in die große Masse der Blätter ganz heterogener Bäume griff, sie geräuschvoll in Schwingung versetzte. Vögel zwitscherten repetitiv in dissonanten Tonlagen. Über mir hatten die Wolken sich in voluminösen Shapes ineinandergeschoben und zu einem fantastischen Gebirge aufgetürmt, das in komplett unzugänglichen Formationen in den Himmel ragte. Im ersten Moment wollte ich umkehren, lief dann aber im Glauben, dass ich das Ende des Gartens eigentlich längst erreicht haben müsste, immer tiefer in die unübersichtliche Vegetation hinein, setze meinen Weg selbst dann noch fort, als der Regen einsetzte und die Hoffnung, Aluna wiederzufinden, längst erstorben war. Als ich die Ereignisse eine Woche später zu rekonstruieren versuchte, war ihr Profil von der Plattform verschwunden.

Weitergehen

Kreuzberg

Es geht Richtung Hermannstraße. Richtung Hermannstraße fahre ich, wenn ich zu meiner Freundin K. in Kreuzberg fahre.

Kneipe

Ob wenigstens die Eckkneipen überleben, in denen man sich fühlt wie in den Siebzigern?

Briefkasten

Bürokratisch formuliert: Nur wer zum Gebrauch der Mietsache berechtigt ist, darf auf dem Namensschild am Briefkasten und an der Klingel genannt werden.

Vorgarten

Wenn ein Vorgarten liebevoll bepflanzt und gepflegt wird, verstehen die Nachbarn dies als Aufforderung zum Wettbewerb.

Haustür

Kurz darauf klingelte er an der Haustür. Natürlich wusste ich, dass ihm die Augen herausfallen würden.

zerbombt

Nach dem Krieg ist der Wohnungsmangel im zerbombten Berlin so groß, dass sich oft mehrere Familien eine Wohnung teilen müssen.

Landwehrkanal

… Kreuzburger, Bateau Ivre, Rocco und seine Brüder, das Leseglück, Heiße Scheiben, der Landwehrkanal…

Oranienstraße

Crossing Oranienstraße, however, I find myself in an astonishingly calm residential area.

Nationalsozialismus

Der Nationalsozialismus aber war kein angeborener Trieb, auch wenn er Überlebenden wie Spiegelmans Vater so vorgekommen sein musste.

Gedenktafel

Dass viele davon architekturhistorisch interessant sind und ebenso viele Gedenktafeln an berühmte einstige Bewohner tragen, macht die Spaziergänge, die mitten in der Pandemie als Höhepunkte des sozialen Lebens fungieren müssen, unterhaltsam.

Brandwand

„Das kaputte Altbauberlin. Ruinöse Hinterhöfe, Brandwände. All das, was es im Osten gab. Zuhauf.“

Garten

„Gartenhaus“, hat der Mann von der Verwaltung mir erzählt. Aber Gärten hat es nicht gegeben.

Schatten

Von dem gesparten Geld habe ich in beiden Zimmern die Tapete von der Wand geholt. Dann waren alle Schatten fort.

Vögel

wo sie schönste Fliesenkunst bestaunen können: den Vogel von Rainer G. Rümmler in Reinickendorf

Siehe Neapel und stirb! Daß kein Neapolitaner von seiner Stadt weichen will, daß ihre Dichter von der Glückseligkeit der hiesigen Lage in gewaltigen Hyperbeln singen, ist ihnen nicht zu verdenken, und wenn auch noch ein paar Vesuve in der Nachbarschaft stünden.

Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise. Zweiter Teil, 1787

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu auch Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.