Ich sitze am offenen Küchenfenster, in einer Fleecejacke, und sehe zu, wie die Morgendämmerung beginnt. In diesem Übergang zwischen Nacht und Tag ist mein Blick ruhig und aufmerksam, die Luft kalt und klar, belebt.

Schon als Kind mochte ich es früh auf den Beinen zu sein. Alles um mich herum schien noch still. Ich denke an einen Herbst, als ich sechs Jahre alt war. Unsere Wohnung lag im vierten Stock eines siebengeschossigen Zeilenbaus. Während von der Nordseite das leise Rauschen der Verkehrsstraßen zu hören war, ging der Blick vom Balkon über Wiesen und Bäume, hinter denen der Kiesteich verborgen lag. Ich stieg auf einen Stuhl, sah über die Backsteinbrüstung, auf der die Geranien meiner Mutter noch immer vereinzelt blühten. Der Himmel glich einem wirbelnden Strudel aus unterschiedlichen Farbtönen, hervorgerufen durch die Streuung des ersten Sonnenlichts. Ein Blau, das in Goldorange und Wassermelonenrosa überging. Plötzlich fiel mein Blick auf die schemenhafte Gestalt eines Fuchses, der über die Wiese lief. Einen Moment hielt er inne und ich hatte das Gefühl, er würde direkt zu mir heraufsehen, bevor er weitereilte und schnurgerade zwischen den Bäumen verschwand. In diesem morgendlichen Übergang lag immer etwas Geheimnisvolles, eine Flüchtigkeit, in der ich eine neue Perspektive entdeckte.

In der winterlichen Morgendämmerung liefen meine Schwester und ich über die Wiesen, entlang der stillgelegten Bahnschienen, Richtung Schule. Unsere Sinne waren geschärft, wir vernahmen die leisesten Geräusche. Die Dämmerung machte uns hellwach. Unterhielten wir uns, flüsterten wir. Hin und wieder saß eine Amsel bewegungslos am Wegrand. Die Vögel waren uns vertraut. Manchmal sahen wir den Fuchs über die Bahngleise huschen. Wenn es im Gebüsch neben uns knackte, hielt ich den Atem an, spürte laut mein Herz schlagen. Sah ich ein Tier, fühlte ich mich erleichtert. Tiere machten uns keine Angst. Das waren die schönsten Begegnungen. Noch am Abend waren sie präsent in meinen Gedanken, speicherten sich tief in mir ab.

Mit dem Erwachsenenalter schien ich diese Übergänge und die Beziehung zu Tieren weniger wahrzunehmen. Auch wenn mir der Fuchs in der Stadt hin und wieder begegnete, schienen diese Augenblicke schneller in Vergessenheit zu geraten. War ich außerhalb der Städte unterwegs, begegnete ich den Tieren anders, und doch kam es mir später jedes Mal wie eine Trennung zweier Welten vor.

Als meine Mitbewohnerinnen vor einigen Jahren ausgezogen waren, es ruhiger in meiner Wohnung geworden war und auch ich eine neue Ruhe in mir gefunden hatte, veränderte sich mein Blick wieder. In der kälteren Jahreszeit heizte ich nur noch in der Küche und begann mir dort meinen Arbeitsplatz zum Schreiben einzurichten. Täglich ging mein Blick unmittelbar zum Fenster hinaus. Ich sah eine Rosskastanie und eine Sommerlinde, ein Stück des gegenüberliegenden Gartens, die hochgewachsene Erle, und die hohe von Efeu bewucherte Mauer zum Nachbargrundstück. Der Blick auf die Bäume beruhigte mich, schärfte und weitete sich.

Und dann habe ich zum ersten Mal eine Nebelkrähe dabei beobachtet, wie sie eine Walnuss im Blumenkasten vor dem Küchenfenster versteckte. Einen Moment lang blickten wir uns durch die Scheibe an. Plötzlich hatte sie meine Neugierde geweckt, eine Art tiefe Sehnsucht kam auf, und ich spürte, wie dieses Angeblicktwerden von einem Tier sofort Vertrautes in mir erweckte. Die Krähe kam immer wieder. Alles Mögliche versteckte sie im Blumenkasten: Eierschalen, Erdnüsse, Chicken Mac Nuggets, Spaghetti, Döner-Fleischstücke. Hin und wieder legte auch ich Nüsse hinzu: Cashews, Walnüsse, und auch Trauben. Wir näherten uns am offenen Küchenfenster an. Eines Tages trat sie zum ersten Mal über die Fensterschwelle herein, setzte vorsichtig, seitlich, einen Fuß auf die Fensterbank herunter, zog den anderen nach. Ich erinnere mich an das Geräusch ihrer Krallen. Sie legte den Kopf schräg und blickte in meinen Raum hinein.

Im ersten Winter kam sie hin und wieder in Begleitung eines Artgenossen. Im Frühling beobachtete ich die beiden im gegenüberliegenden Garten. Einmal rupften sie Gräser aus dem Boden. Etwas später sprang meine Krähe auf den Rand eines großen Tontopfes, in dessen Erde Holzstäbchen steckten. Jedes einzelne zog sie heraus und ließ es auf die Wiese fallen. Währenddessen landete die andere Krähe am kleinen Springbrunnen, in dem die Spatzen und Kohlmeisten Tage zuvor bereits gebadet hatten. Auf dem Kopf der Skulptur versuchte sie mit einem Fuß immer wieder den Wasserstrahl zu unterbrechen, hinuntergebeugt legte sie den Kopf schief.

Einen Monat später bauten sie ihr Nest hoch oben in der Kastanie vor meinem Fenster. Als die Nestlinge geschlüpft waren, badeten beide wieder im Springbrunnen. Ließen sich dann in den Ästen der Linde nieder. Sie weiter unten, er weiter oben, und begannen sich zu putzen. Schüttelten die Flügel immer wieder auf. Dabei ließen sie das Nest in der Kastanie nie aus dem Blick. Sie hatten es eilig, wie fröstelnde Kinder, die sich nach einem kalten Bad schnell abtrockneten. Ich bezweifelte, dass den Krähen kalt war, vielmehr hatten sie eine Aufgabe zu erfüllen. Sie leben ganz in der Gegenwart.

Die Krähe und ich kennen uns nun beinah fünf Jahre, und auf eine geheime Weise fühle ich mich mit diesen Vögeln jeden Tag verbunden.

Heute bin ich überrascht, wie mir vieles, was die Krähen tun, lange verborgen blieb. Krähen verstecken sich nicht wie andere Vögel. Vieles, was sie tun, ist ganz offensichtlich. Wenn man genau hinschaut. Einmal verfolgte ich, wie eine Krähe auf dem Lenker eines Fahrrads landete und eine Erdnuss in den offenen Lenkergriff schob.

Jetzt, im Herbst, scheint alles in Bewegung. Der Wind rauscht durch die gelben Blätter, Kastanien plumpsen auf den Boden. Ein Geruch nach Erde und lebendiger Kühle. Der Himmel eine Mischung aus Bronze und Blau. Kohlmeisen und Amseln sausen von Ast zu Ast. Die lauten rätschenden Rufe der Eichelhäher hallen über die Bäume. Zwei Eichhörnchen flitzen den Baumstamm der Linde hinauf, kurz darauf wieder herunter. Wedelnde rote Schwänze, dann leise fauchende Geräusche. Vereinzelt schaut noch ein Spatz vorbei. Wo diese Vögel genau den Winter verbringen, weiß ich nicht. Im Frühling werden sie in die Efeuhecke zurückkehren.

Mit den Jahren ist mir der Blick hinaus so vertraut geworden, dass ich im Frühling beinah mit Leichtigkeit die Nester anderer Vögel ausmachen kann. Ich muss nur hier am Fenster stehen und die Vögel im Flug beobachten. Die Amsel schießt direkt unter die Blätter des Efeus, wo sie bereits am dichtesten gewachsen sind. Mein Blick kann die kleinsten Bewegungen der Blätter ausmachen, meine Ohren hören das leiseste Rascheln. Die Taube ist so wuchtig, dass ich sie beinah mit geschlossenen Augen lokalisieren kann. Das Blattwerk raschelt bei jedem Vogel anders.

Ich schließe die Augen und lausche dem Wind.

Dann landet die Krähe im Blumenkasten. Einen Augenblick betrachten wir einander. „Guten Morgen“, sage ich, und sie plustert ihre Federn in der mir vertrauten Weise auf. Dann gräbt sie in der Erde nach Cashews, lässt sie kurz darauf ins Wasserbad gleiten und beginnt sie zu knacken.

Als ich vor einigen Wochen das erste Mal in die Wohngegend meiner Kindheit zurückkehrte, weckten die Wiesen sofort etwas Vertrautes in mir. Als es zu regnen begann, trugen mich meine Füße fern der Asphaltwege zwischen den Büschen einen Pfad hinauf. Intuitiv erkannte ich die unsichtbaren Wege, die uns damals zu unseren Höhlen führten, in denen wir unzählige Nachmittage versteckt blieben. Als ich wieder aus den Büschen trat, sah ich Eichelhäher und Elstern zwischen den Bäumen und Wiesen herumfliegen. Ich erinnerte mich nicht, ob ich die Vögel bereits damals gesehen habe. Doch heute weiß ich, dass sie zur selben Familie der Nebelkrähen gehören: den Corviden oder Rabenvögeln.

Weitergehen

Küchenfenster

Wenn er aus dem Küchenfenster sieht, hat er manchmal den verwirrenden Eindruck, er würde am Fenster im Haus gegenüber sich selbst sehen – sich selbst als Gadscho.

Tiere

„Tiere kommen trotzdem zu Besuch“, sage ich ihr.

Herbst

Als ich im Herbst diesen Ort aufsuche, um Fotos zu machen, fallen mir die großzügigen Freitreppen und Terrassen an der Außenhaut der Philharmonie auf.

Fenster

wenn man ein paar
Mal gesehen hat, dass dieser Mensch
dort in der dritten Etage fast immer in
Unterhosen am Fenster steht und
raucht

Fuchs

Einmal bin ich aus der Tür und auf der Treppe stand ein Fuchs. Seelenruhig ist er die Stufen runter. Immer einen halben Stock voran. Erst im Hof habe ich ihn verloren.

Vergessenheit

She wanted people to be decently housed, but she also wanted to cause irreparable damage to narratives of progress washing over the city with their pale blue saline reminiscence of forgetfulness.

Sehnsucht

Das Tier, das die Schriftstellerin bei lebendigem Leib schlachtet und ausweidet, ist sie selbst. Mit Körper, Geist und Seele. Mit allen Abgründen, Erfahrungen, Sehnsüchten und Ängsten.

Winter

Er [der Tiergarten] erlebte über seine fast vollständige Abholzung im Zuge der kalten Winter nach dem Zweiten Weltkrieg einen großen Wandel, der bis heute fortwirkt.

Kastanie

Ihm aus dem Fenster nachzusehn wie von Bäumen, Abgang im Kastanienhagel

Efeu

Nur die silberne Metallplatte, auf der sie montiert gewesen war, war noch da, aber auch sie war fast vollständig unter Efeuranken verschwunden.

Fahrrad

Zuweilen sehe ich im Kiez die Frau und ihre Tochter, die mit Vorliebe schwarze Schnürstiefel trugen. Jedesmal trägt sie eine andere Frisur. Und die Tochter liefert ihr Spiegelbild. Und immer fahren sie Fahrrad.

Mancher Philosoph liebt die Tartaren, um der Liebe gegen seine Nachbarn überhoben zu sein.

Jean-Jacques Rousseau, Émile oder Über die Erziehung, 1762

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land, Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.