Am Montagmorgen öffnet Helene ihr Mailprogramm. Ein Frühlingsmorgen im neuen Büro im Kiezquartier. Sie sieht vom Schreibtisch aus dem Fenster, all diese Menschen hinter den dunklen Scheiben, auf den Gehwegen mit ihren Masken und angeleinten Hunden und Kapuzen und Handys sind irgendwie ihre Menschen. Sie wird ein offenes Ohr für sie alle haben und es wird gut sein.

Eine Mail von der Poststelle. Eine Mail von der Kollegin wegen des Patenschaftsprojekts. Eine Mail von der Koordinatorin wegen der Baumscheibenbepflanzung. Eine Mail vom Migrationsbeauftragten: Die rumänischen Roma im Haus an der Ecke Geranienstraße/Hohe Straße sind den Nachbarn zu laut, zu schmutzig und außerdem homophob, transphob, sexistisch, toxisch. Es gäbe Verständnis für die prekäre Lage der Roma, man wolle nicht antiziganistisch sein, aber trotzdem in Ruhe leben. Helene wird gebeten, sich vermittelnd einzubringen.

Dorina hat im letzten Herbst in einem Fass 15 Weißkohlköpfe eingelegt, sie sind zart und säuerlich geworden. Sie hat ein paar Blätter auf ein Tuch gelegt, die Reismischung darauf gegeben und sie zu Päckchen gerollt. Sarmale. Es sind immer noch sechs Kohlköpfe im Fass. Sie hat sich in der Coronazeit nicht oft aufraffen können, Sarmale zu kochen. Heute hat sie die Familien ihrer beiden Söhne Cezar und Abel eingeladen. Beide haben einen festen Glauben, sind respektvoll und führen ihre Ehen gut. Die jüngere Schwiegertochter, Ileana, war so ein verwahrlostes Mädchen, es hätte ihr leidgetan, hätte ihr Sohn sie nicht heiraten wollen. Ileana war ein gequältes Kind, aber jetzt ist sie eine gute Frau. Respektvoll, kräftig, rund, ist weder aufreizend noch nachlässig gekleidet, ist fruchtbar, unterhaltsam und gehorsam. Genauso stolz ist Dorina auf ihre Enkel, besonders auf Raul, in der Altersklasse der Grundschüler ist er einer der besten Boxer. Er ist klein, aber mit ihm ist nicht zu spaßen. Mit keinem Mann in ihrer Familie ist zu spaßen. Auch nicht, was den festen Glauben angeht. Trotz all des streitsüchtigen Geschreis, das Dorina schon ertragen hat, zu dem die Männer sich haben hinreißen lassen. Sie sind so leicht zu erzürnen wie der Vater im Himmel, denkt Dorina und legt eine helle Tischdecke auf. Geb’s Gott, dass sie immer zu essen haben. Am Fenster wirft sie einen Blick auf das Haus gegenüber und seufzt. Wenn das die Kinder sehen. Gegenüber sind gerade jetzt die Vorhänge aufgezogen worden, zwei nackte Körper stehen da. Es sind zwei unbekleidete Männer, die sich küssen. Sie nimmt den Anblick hin wie all den Schmutz, den sie sehen muss, wie all den Müll, der auf der Straße liegt und alle Beschimpfungen, die sie in ihrem Leben hat hören müssen, weil sie Romni ist, weil sie eine Frau ist, weil sie Dorina ist. Sie nimmt es hin und seufzt, damit der Frieden in ihre Lungen dringt, er ist das Geschenk, das sie gerne annimmt, der ruhige Atmen, in dem Gottes Gnade fließt.

Helene hat das Gefühl, in ihren Augenwinkeln eine Art Nebel zu erkennen, der ihr ein Gefühl von Entfernung zur Wirklichkeit gibt. Sie atmet tief durch und schreibt, sie wäre bereit, mit den Nachbarn zu kommunizieren, sie sähe es als ihre Aufgabe, genau in diesen Situationen für ihr Stadtviertel da zu sein. Sie weiß plötzlich nicht, ob sie sich wirklich als Friedensengel sehen kann. Sie selbst kann abends den Lärm hören, der aus dem Haus dringt. Sie selbst hat in ihrem Hinterhof das Ungeziefer gesehen, das aus dem Haus in die Nachbarhäuser dringt. Sie kennt den Sklaven- und Drogenhandel des Hausmeisters und das Desinteresse der Behörden und der Polizei.

Ileana ist 15 gewesen, als Cezar um ihre Hand anhielt und nach der Hochzeit das blutige Laken durchs Dorf trug, um allen zu zeigen, dass er über das Böse triumphiert hatte. Über den Pandelea, der alle Mädchen im Dorf von seinen Söhnen verfolgen und vergewaltigen ließ. Aber Ileana hatten sie nicht bekommen. Cezar hatte all seine männliche Kraft dafür aufgebracht, Ileana den Feinden des Dorfes zu entreißen. Das Laken war die Siegesfahne. Wie ein antiker Held kam er nach diesem rasenden Gang nach Hause und seine Mutter nahm sein Gesicht zum letzten Mal in beide Hände und küsste ihn auf die Stirn. Ab jetzt würde sie das nicht mehr tun, jetzt war er ein Mann. Ileana stand schmal und mit großen Augen da wie ein ahnungsloses Lamm, das bereits viel gelitten hatte, und ergab sich ihrer Ehe mit aller Dankbarkeit, die sie aufbringen konnte, denn viel Dankbarkeit für das Leben war nicht mehr in ihr.

Herr Klaus hat am Abend noch einmal auf die Straße gesehen. Es sind fremde Menschen, Männer, die bis nachts auf dem Gehweg stehen und debattieren. Herr Klaus hat sich Gedanken gemacht, wie es diesen Menschen wohl geht. Er sieht, dass sie den Müll vor ihrem Haus und den Schmutz in ihrem Hinterhof hinnehmen. Dass die Frauen von Stockwerk zu Stockwerk rufen. Manchmal schreien sie, ohne dass er begreifen kann, warum ihre Stimmen in der fremden Sprache schrill werden. Er weiß, dass dunkelhäutige Menschen nicht selbstverständlich anders sind als hellhäutige Menschen. Er mag das indische Aussehen der Leute, runde Stirnen, dunkle Augen, schwarze Haare. An Indien mag er das Essen, die Menschen, die Farben der Kleider. Roma sind mit den Indern verwandt. Er hat ein gewisses Verständnis für sie. Aber als die Kinder, die immer in Gruppen rennend unterwegs sind, ihm zugerufen haben: „Schwuli sexy! Schwuli sexy!“, ist er erschrocken. Die linkischen Schimpfworte der Kinder sind schmerzhaft und unverzeihlich. Etwas kocht in ihm vor Enttäuschung. Er greift nach der Hand seines Mannes und bildet mit ihm eine Front.

David ist ängstlich, wenn er Erwachsene mit heller Haut in Gadschekleidern sieht. Gadschekleider sind bunt. Gadschefrauen haben Hosen an und man sieht ihren Po. Bei Mama sieht man ihn nicht, sie zieht sich an, wie es am schönsten ist. Und sie duftet nach der rosa Flasche, die sie hinter der Waschmaschine vor seinen kleinen Geschwistern versteckt. Er ist schon fünf. Und er hört täglich von den Großen: Wenn er nicht lieb ist, kommt die böse Gadsche und schreit und schlägt ihn. Er hat sie neulich gesehen. Sie kommt manchmal aus dem Haus gegenüber, sie heißt Mia und läuft unter seinem Fenster entlang. Einmal hat sie so finster geguckt, dass er sich schreiend von ihr abgewendet hat. Zuerst hat Mama nicht geglaubt, dass die Gadsche ihm etwas tun will. Aber als sie gesehen hat, dass die fremde Frau mit ihrem Telefon Fotos von ihren Kindern macht, ist sie auch ängstlich geworden. Seitdem sieht sie die Gadsche auf der Straße finster an. Niemand darf ihr Kind verhexen. Sie hat allen Kindern rote Stoffblumen an die Jacken genäht, damit das nicht passiert.

Roman knöpft sich das graue Jackett zu. Er bewegt zufrieden seine Finger, er wird im Gottesdienst wieder Kontrabass spielen. Das hat er seit fünf Monaten nicht getan. Er hatte im Winter einen Herzinfarkt. Die ganze Gemeinde hat gebetet und geweint. Er kämmt sich mit den Fingern, die wieder gelenkig sind, und weiß, dass er nie mehr der Alte sein wird. Er ist Prediger gewesen, hat die jungen Männer und Frauen im See getauft, zuletzt in der Spree am Treptower Park. Jetzt ist er Roman, mit dem kaum jemand mehr spricht. Seine Familie hat zu viel Wirbel gemacht während seiner Abwesenheit. Sie sind kampflustig, die Söhne und Schwiegersöhne. Aber wären sie anders, so sagt er sich, dann würde er sie nicht ernst nehmen und ihnen nicht seinen Platz überlassen, wie er es jetzt tun muss. Er murmelt: „Lasst uns den Herrn loben, denn er ist mächtig. Lasst uns um seine Gnade bitten, denn wir alle sind Sünder.“ Auch er, denn er kann seine Wut nicht zügeln, wenn er sich oder seine Familie bedroht sieht. Dafür hat er zu viel einstecken müssen von Pandelea, von den Gadsche, von denen, die die Würde des Menschen nicht hochhalten. Wenn er aus dem Küchenfenster sieht, hat er manchmal den verwirrenden Eindruck, er würde am Fenster im Haus gegenüber sich selbst sehen – sich selbst als Gadscho. Genau solche grauen Haare, ein Gesicht mit Lachfalten, ein Mann mit breiten Schultern. Aber er ist es nicht, es ist Herr Klaus. Auch er ist ein Sünder, denn er liebt einen Mann. Aber niemand darf den ersten Stein werfen, denn alle sind fehlerhaft vor dem Herrn und so hat Er uns geschaffen: fehlerhaft, damit wir die Würde des anderen schätzen lernen.

Frau Letkowa schaut in den Spiegel. Hinter ihr leuchtet das Foto ihrer Eltern, die sie seit Jahren nicht gesehen hat. Sie lockert ihren Pony mit den Fingern und lässt das Kinn fallen, so gefällt sie sich. Ihr Gesicht läuft zum Kinn spitz zu, ihre Augen sind dunkel und sie mag es, wenn sie darin einen Hauch Mitgefühl entdeckt. Manchmal sieht sie sich lieber kämpferisch. Jetzt fällt ihr Blick durchs Fenster, draußen stehen die Roma-Männer und reden und tun so tapfer und aufrecht. In deren Fußstapfen werden die kleinen Jungen treten, um auch zu Männern zu werden, sie lebt schon lange hier und hat schon viele der dunkeläugigen Kinder groß werden sehen. Aus Kindern mit freien Gesichtern sind düstere Mütter und bullige Männer mit kehligen Stimmen geworden. Frau Letkowa hasst diesen unumstößlichen Lauf der Dinge. Sie kann um die Männer und um ihre Frauen mit den Kopftüchern und braven Röcken die Luft zittern sehen. Dieses unsichtbare Beben kennt sie, es zeigt ihr an, dass etwas verrückt und gefährlich ist. Wahnsinn flimmert, religiöser Wahnsinn. Frau Letkowa sieht auf das Foto ihrer Eltern. Der Prediger Letkowa und seine brave Frau, in deren Haus sie so lang leben musste wie in einem absurden Gefängnis. Jetzt ist sie schon lange frei. Sie muss nicht mehr deren Gebote befolgen, sie darf eine Frau sein und trotzdem darf sie Sex haben, flirten, darf sich anziehen wie sie will, sie darf herrisch sein, befehlen, kämpfen, brutal sein und sich wehren, wenn sie in Gefahr ist. Sie tritt ans Fenster und sieht hinunter auf den jetzt leeren Gehweg. Manchmal läuft sie dort unten entlang und glaubt, das Beben in der Luft sei schwächer geworden. Aber dann hört sie die jungen Männer und Kinder ihr zurufen: „Hure!“, und sie fängt an zu schreien. Sie fühlt das Beben aus der Hölle, das nicht mehr aufhören will.

Mia sieht in ihren Kalender, die nächste Woche bringt zwei neue Jugendliche, die eine Jahresweisung haben. Hoffentlich nicht schon wieder junge Osteuropäerinnen, die von ihren Babyface-Machos unterdrückt werden und Säuglingsnahrung für ihre viel zu früh geborenen Kinder geklaut haben. Mia hat für den Zorn angesichts solcher Männer keinen guten Begriff, also sagt sie: toxische Männlichkeit. Und jenseits ihrer Wohnzimmerwand im Nachbarhaus fühlt sie das Toxische manchmal, ein giftiges Gespenst: die rumänischen Männer mit ihren Hemden und Jogginganzügen und grauen Frauen, die vom Schwangerwerden für immer fett geworden sind. Und die dünnen jungen Mädchen, die von ihnen versklavt werden, Haus putzen, Babys versorgen. Hinter ihrem Haus im Nachbarhof und auf dem Gehweg riecht sie das Gift. Immer seltener, dass sie merkt, wie es in ihr selber brodelt wie in einer Hexenküche. Als Jugend-Sozialarbeiterin kann sie sich keinen eigenen Hexenkessel leisten. Hasserfüllt knallt sie das Fenster zu, die Männer da draußen reden ihr zu laut und es stinkt nach den billigen Chips der Kinder.

Helene startet den Rechner. Wem schreibt sie jetzt eine Mail? Ein junges Romamädchen hat ihr gesagt, sie hätten alle Angst, weil der Mann, der mit einem Mann lebt, Fotos von den Kindern macht. „Was macht er mit den Fotos von unseren hübschen kleinen Söhnen? Wir wollen, dass er damit aufhört.“ Helene weiß, dass die Nachbarn Beweise für die Behörden sammeln sollen, denn sonst gibt es keine Hilfe. Und dass der Streit aussichtslos ist, weil es keine Lösung für die Armut und die prekären Verhältnisse im Roma-Haus gibt und das Dilemma in Form von Gewalt, Beleidigungen und Angst auf den Schultern aller darum immer schwerer wird. Denn es gibt keine politische Lösung für die eine wirkliche Beleidigung: dass in den kafkaesk tatenlosen Behörden die Realität hinter einem Schleier verschwindet und die mit der Armut naturgemäß verbundene Gewalt darum siegen wird.

Weitergehen

Schreibtisch

Was für einen Tanz K. auf der Kommunalen Wohnungsverwaltung aufführte, wie er, sich selbst mehr als peinlich, seine bisher erschienen Bücher über den Schreibtisch der Verwaltungstante schob, als wären es Geldbündel …

Hund

Sie muss einfach irgendwann selbst bemerkt haben, dass eine einfache Geschichte über eine verstorbene Katze keinen Hund hinterm Ofen hervorlockt.

sexistisch

…avenidas stelle die Fortschreibung einer „patriarchalen Kunsttradition“ und den Ausdruck eines sexistischen, weil objektivierenden Frauenbilds – und somit einen höchst unpassenden Text für die institutionelle Außendarstellung – dar.

Gott

Mein Gott, hab ich’s gut!

Fenster

Ich hatte wieder nicht schlafen können, und war ans Fenster getreten…

nackt

Irgendwo im Park gibt es eine FKK-Wiese (wo Menschen nackt oder fast nackt sind).

Wirklichkeit

‚Spekulativer Realismus‘ ist für ihn ein Versuch, alle potentiellen Deutungen der Wirklichkeit zu untersuchen, um im Möglichen die Vielfältigkeit der Wirklichkeit zu erschließen.

Hinterhof

Die Tatsache, dass es acht Jahre lang renoviert worden war? Dass sich im Hinterhof der Müll stapelte?

Hausmeister

Die Alten aus meiner Straße erzählen, dass sich die Hausmeister an den Tagen nach den Massenverhaftungen in den Wohnungen bedient hätten, bevor die Polizei sie versiegelte.

schwul

Die beiden Romane, der eine aus der Sicht eines afroamerikanischen DJs, der andere aus der eines Schwarzen, schwulen Buchliebhabers erzählt, haben mehrere Gemeinsamkeiten…

Telefon

Aber sie tragen ebenso zu dem Bild bei, dass sich andere von einem machen (zum Beispiel am Telefon), wie auch zur individuellen, rechtlichen Identifizierung.

Herzinfarkt

Nach zwei Jahren wurde uns von Nachbarn berichtet, Herr T. sei an einem Herzinfarkt gestorben. Das war sein erster Tod.

Spree

Wieso ist das Angeln an der Spree eine gefährliche Schnapsidee? Wofür steht die Abkürzung TTT?

Waschmaschine

…die Spiralfederarmatur mit Brausearm verstärkte den Anschein eines Kinderbades. Rechts und links davon Spül- und Waschmaschine. Auf einer Anrichte Entsafter, Toaster und Espressomaschine.

Enkel*in

Seine Enkelin hatte ihm zum 80. Geburtstag noch ein Hakenkreuz geschenkt, das sie aus schwarzen und goldenen Pailletten auf Styropor geklebt hatte.

Polizei

Die Alten aus meiner Straße erzählen, dass sich die Hausmeister an den Tagen nach den Massenverhaftungen in den Wohnungen bedient hätten, bevor die Polizei sie versiegelte.

Armut

…es roch nach Armut, ungewaschenen Körpern, billigem Parfum, fettigem Fleisch, Gummi und Klebstoff…

Des bösen Nachbars Augen sind voll Neid.

Wander, Deutsches Sprichwörter-Lexikon, 1873

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu auch Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.