Es fügt sich. Vielleicht fügt es sich auch überhaupt nicht. Ich weiß kein bisschen, wohin ich mich fügen soll. Ich kenne Nachbarschaften, aber ich kenne nicht die Nähe, die am Feuer entsteht, wenn sich die Meute dort versammelt. Ich weiß nicht, wo in den Zwischenräumen zwischen den Wohnungen das Feuer brennen soll, weil in den Zwischenräumen trotzdem noch Wandmaterialien festgebaut sind. Ich weiß nicht mal, wie ich die Zwischenräume von den Wandmaterialien unterscheiden würde. Ich will nicht sagen, dass beides dasselbe ist, aber doch: beides ist dasselbe. Ich sitze am Laptop und weiß nicht, wie ich meine Gedanken von den Daten unterscheiden würde, wobei ich beteuere, dass beides nicht dasselbe ist. In Emmanuel Van der Auweras Film The Sky is on Fire ist passenderweise alles auf Oberflächen reduziert, aber die Oberflächen verschmelzen beinahe, dabei gehen sie kaum ineinander über, sondern verpassen sich immerzu. Als wären es Schichten, die nicht geschichtet sind. Beim Schauen von The Sky is on Fire fühlt sich mein Hirn an wie ein Satz von Deleuze/Guattari: „Die von einem Substratum bereitgestellten Materialien sind natürlich einfacher als die Komponenten der Schicht, aber ihr Organisationsniveau im Substratum ist nicht niedriger als die Schicht selber.“ Autos brechen beinahe in den hauchdünnen Boden ein, zerfleddert, verdellt; ein Auto als Substratum. Verglitchte Brunnen in verquollenen Parks; Brunnen als Substratum. Unauslöschliche Pixel in der Luft; Pixel als Substratum. Und der Erzähler, der Chaz heißt, spricht in einem eingeblendeten Periscope-Video davon, dass Technologie bislang nicht ins menschliche Bewusstsein eingesunken sei, während Wind in sein ungeschütztes Mikro streift. Er sagt, im Wissen um unsere Sterblichkeit würden wir boshaft werden. Er postuliert das Weiterexistieren einer Welt, in der es Menschen nicht ertragen können, nur einen mickrigen Ausschnitt der Geschichte zu erleben. Die Stadt, die dabei gezeigt wird, ist verlassen – eine digitale, zu heiß gebügelte Version von Miami; entstanden aus tausenden einzelnen Bildern, zusammengerendert, angenähert. Manchmal flackert es, aber vielleicht fügt es sich auch überhaupt nicht.

Immer habe ich in Nachbarschaften gelebt, aber nicht so, wie Rapper*innen in Nachbarschaften leben. Ein Beispiel ist Welcome to My Hood von DJ Khaled aus dem Jahr 2011. Im Refrain singt T‑Pain: „Everybody know everybody / and if I got it everybody got it“. Der Song verbürgt ein Gemeinschaftsgefühl, das quasi tradiert ist; immer gibt es im Rap Rückbesinnung auf Straßenecken, Viertel, Area Codes. Rapper*innen verstehen sich meist als Abgesandte ihrer Nachbarschaften. Ich verstehe mich überhaupt nicht als Abgesandter. Wenn ich rausgehe, grüße ich manchmal Menschen, die sich auf ihre Fensterbänke stützen und E‑Zigarette rauchen; zwischen uns ist überhaupt nichts, außer Vanille-Blaubeer-Aroma. Die Menschen glotzen mich an. Manchmal grüßen die Menschen zurück. Wir kennen uns nicht. Maximal versuche ich, mich der Ignoranz zu verweigern. Was wir jeweils besitzen, erreichen oder darstellen, geht nicht ineinander über, beeinflusst sich kaum gegenseitig. In den Nachbarschaften, die ich kenne, verschlucken sich Organisationsniveaus an sich selbst. Meine Postleitzahl bewegt mich nicht zum Patriotismus; an schönen Tagen sind mir die Straßen sympathisch, aber sie machen mich nicht stolz. Meine Zugehörigkeit drückt sich vielleicht darin aus, dass der Chip an meinem Schlüsselbund den Restmüllcontainer ein paar Häuser weiter entsperren kann.

Es fügt sich nicht zu einer Utopie, nähert sich aber an, so weit es unter den gegenwärtigen Bedingungen möglich ist – in den Hochgebirgen der chinesischen Provinz Sichuan. Der Gipfel des Gongga Shan befindet sich 7.556 Meter über Normalnull. Weil dort reißende Flüsse runterrauschen, ist Wasserkraft immens billig. Deshalb werden, versteckt in abgelegenen Tälern, illegale Bitcoin-Minen errichtet. Vierstöckige Rohbauten, in deren Räumen reihenweise Blechregale stehen – darauf viele hundert miteinander vernetzte Computer; angestrengt rechnende, überhitzte Maschinen. Die offenen Außenwände sind mit Ventilatoren verbaut, um die Temperaturen zu senken. Die Atmosphäre um die Gebäude ist zumindest angereichert mit Daten; außerdem Felsen, Sträucher, Strommasten. Zuerst könnte man meinen, die Ventilatoren sind auch nur Wandmaterialien, die Feuer unmöglich machen. Aber es ist anders, weil die Täler in Sichuan, abgesehen von den Bitcoin-Farmen, hauptsächlich für Landwirtschaft und Viehzucht genutzt werden. An heißen Sommertagen versammeln sich Ziegenherden vor den Ventilatoren, weil es sie nach Abkühlung verlangt. Es brummt, es sirrt, aber die Ziegen grasen und ihr Fell zittert leicht in der vibrierenden Luft. Das scheint mir eine Nachbarschaft zu ermöglichen, die tragfähig ist. Die Ziegen bilden die Meute, die Ventilatoren bilden das Feuer.

Bei Welcome to My Hood ist der Part von Lil Wayne besonders. Am 4. November 2010 wurde er aus dem Gefängnis in Rikers Island entlassen, woraufhin er direkt eine fünfzehnstündige Aufnahmesession in der Hit Factory in Miami startete. Es heißt, der zweite Song, den er in dieser Nacht machte, sei Welcome to My Hood gewesen. Lil Wayne verliert allerdings kein Wort über seine Nachbarschaft, sondern kreist erhaben um seine Gefühlslagen auf Bewährung; er bildet vielleicht einen Zwischenraum zwischen den Refrains. Eine Punchline als Substratum; Atemholen als Substratum. Und sollte der Himmel wirklich brennen, wird Lil Wayne ihn nicht meiden: „I landed in the sky, I fell from the streets“. Und das ist genau die Bewegung, die ich mir wünsche – weg von der Vernunft, fort aus dem Viertel, das Nähe vereitelt. Ich bewege mich durch manifeste Umgebungen, eingekastelt von Wandmaterialien, aber es treibt mich beispielsweise zu den Bergziegen in Sichuan, zur Musik von Lil Wayne, zu Feuerstellen in der vierten Dimension. Dieses Fortfallen ist temporär, bald wird es von anderen Assoziationen überlagert sein. Und immer, wenn die Assoziationen wieder und wieder und wieder geschmolzen sind, bleibt die Nachbarschaft zurück: Restmüllcontainer, Vanille-Blaubeer-Geschmack, unverbindliches Grußgenicke. Ein geronnener Ausgangspunkt, aber die Landeplätze permutieren.

Weitergehen

Nähe

Wir mussten herausfinden, ob und wie wir Nachbarn werden wollten, wie viel soziale Nähe uns angenehm war, welchen Wert wir dem Kiez zubilligen würden.

Feuer

Na gut, dieser Funken war bloß ein flüchtiges Blitzen, das in diesem grünen Wellensittich eingefangen wurde, aber aus jedem Funken kann man Feuer machen.

Laptop

Mit Nike auf dem Schoß scrolle ich mich an meinem Laptop durch Online-Anzeigen. Das Angebot ist groß.

Oberflächen

Verschiedene Metaphern bieten sich an: ein weißes, im Wind flatterndes Tuch, die plötzlich erfrorene Oberfläche eines Sees, das zu Stein gewordene Plätschern eines Bachs.

digital

…und wie vielfach es durch die digitalen Extensionen des urbanen Raums zirkuliert ist.

Gemeinschaftsgefühl

Die dadurch neu entstandenen Beziehungen und Netzwerke und das nachbarschaftliche Gemeinschaftsgefühl prägen das Wissen über und die Wahrnehmung von Nachbarschaft auch weit über den Lockdown hinaus.

„Ein guter Nachbar ist ein köstlich Ding“

Wander, Deutsches Sprichwörter-Lexikon, 1873

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu auch Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.