Sogar der Frisör hat aufgemacht. Dabei hätte ihm das Hämmern und Vibrieren, das von der Baustelle auf der anderen Seite des kleinen Platzes bis in seinen Laden dringt, wenigstens am Vormittag noch erspart bleiben können. Wer kommt schon am Vormittag zum Haare Schneiden. Immer dieselben paar Leute.

„Heute gehe ich rüber“, sagt der Frisör. „Es geht schon seit fünf Wochen so.“

„Du gehst ja doch nicht rüber“, sagt der Gast. Von einem Kunden kann man in seinem Fall nicht sprechen, denn noch nie hat er sich tatsächlich auf einen der Frisierstühle gesetzt. Der Gast ist die schlimmste Art von Gast, die man sich vorstellen kann, denn er ist früher, in einem anderen Land und in einem anderen Leben, selber Frisör gewesen. „Du gehst ja doch nicht rüber“, sagt er zum Frisör. „Ich wäre früher sofort rübergegangen.“

Der Frisör, der glaubt, dass der andere früher auf keinen Fall rübergegangen wäre – ich hingegen könnte jederzeit rübergehen, denkt er –, sagt: „Ich gehe absichtlich nicht rüber. Die machen nur ihre Arbeit. Es muss nun mal gebaut werden.“

„Man kann aber auch schneller bauen“, sagt der Gast.

„Und das weißt du woher?“, fragt der Frisör.

„Ich habe auf Baustellen gearbeitet“, sagt der Gast.

Der Frisör schaut über den Kopf seines Nachbarn, der vor ihm auf dem Frisierstuhl sitzt und den er rasiert, in den Spiegel, und dort begegnet er dem Blick des Gastes, der auf einem der Wartestühle an der Wand sitzt. Er kam gleich, nachdem der Frisör aufgemacht hatte. Er kommt seit Wochen jeden Morgen. Jetzt sitzt er da und lächelt ihn an. Der Frisör senkt den Blick. „Sie bauen bestimmt so schnell sie können“, sagt er. Aber er hat nie auf Baustellen gearbeitet und weiß es streng genommen nicht.

Der Gast lacht. „Kein Bauarbeiter baut so schnell er kann“, sagt er. „In keinem Beruf der Welt ist das so. Nur Frisöre arbeiten so gut sie können.“

„Das stimmt nicht“, sagt der Frisör.

„Doch, es stimmt“, sagt der Gast. „Und das, obwohl wir Frisöre gegen etwas anarbeiten, wogegen wir machtlos sind. Das Haar wächst immer weiter. Jede Minute, jede Sekunde, das muss ich dir nicht sagen. Am Tag, in der Nacht. Aber wir geben nie auf. Es kommt nämlich nicht nur darauf an, ob wir es überhaupt abschneiden. Sondern eigentlich vor allem darauf, wie. Du hast zum Beispiel gerade am linken Ohr etwas zu viel abgeschnitten. Das muss dir doch aufgefallen sein.“

„Das ist mir aufgefallen“, sagt der Frisör.

„Das bezweifle ich“, sagt der Gast.

Der Frisör, er heißt Maani, sagt: „Doch. Es ist mir aufgefallen. Ich habe sogar mit Absicht etwas mehr abgeschnitten.“

„Ja?“, sagt der Gast.

Eine Weile hört man nur das weiche Klacken der Schere. Der Nachbar – er und seine Frau haben den Frisör und dessen Frau in den letzten Jahren mehrmals zu sich nach Hause zum Essen eingeladen und waren bei ihnen zum Essen – scheint eingeschlafen zu sein. Man hört aus seinem Mund ein leises Schnarchen.

Mitten in diese friedliche Stille, die sich nun plötzlich, da die Bauarbeiter offenbar eine Pause eingelegt haben, am frühen Vormittag dieses jetzt schon heißen Tages im Viertel auszubreiten beginnt, kann der Frisör, der vor ein paar Monaten von seiner Frau verlassen worden ist, plötzlich nicht anders – es kommt wie aus einer ihm unbekannten anderen Person heraus –, als zu sagen: „Ich glaube nicht, dass du das sehen kannst. Du sagst nur, dass du es kannst.“

„Natürlich kann ich es sehen“, sagt der Gast.

„Dann beweis es“, sagt der Frisör.

Er hat sich zum Gast umgedreht, der seit Wochen jeden Morgen hierherkommt und immer auf demselben Stuhl an der Wand sitzt, und hält ihm die Schere hin. Das hätte ich, denkt der Frisör, schon längst tun sollen.

Der Gast schaut ihn an. Er schaut die Schere an. Er lacht, aber unsicher jetzt. „Nein, ich kann das nicht mehr“, sagt er. „Du bist der Frisör, es ist dein Geschäft. Es ist dein Kunde.“

Eben, denkt der Frisör.

Aber dem Frisör tut es bereits leid. „Ich weiß, dass du es könntest“, sagt er. „Ich hab es dir nur so angeboten.“

In diesem Moment setzt das Hämmern von draußen wieder ein, der Boden unter den Füßen des Frisörs vibriert wieder. Der Gast erhebt sich. „Ich gehe uns einen Kaffee holen“, sagt er. „Möchtest du auch einen? Mit Milch und zwei Stück Zucker, wie immer?“

„Ja“, sagt der Frisör. „Bitte, vielen Dank. Ich gebe dir Geld“, sagt er und macht einen Schritt zur Kasse.

„Nein, lass“, sagt der Gast. „Ich lade dich ein.“

Der Gast lächelt dem Frisör zu, nickt und tritt aus dem Laden auf die Straße. Der Frisör schaut ihm nach, wie er aus dem Blickfeld des Schaufensters nach links verschwindet, und er spürt, wie sich in seinem Bauch ein flatterndes Gefühl auffaltet und ihm in den Hals aufsteigen will. Er dreht sich zu seinem Laden um, der ihm plötzlich leer und trostlos vorkommt, obwohl, oder vielleicht gerade weil darin in eben diesem Moment der Nachbar laut aufröchelt und sich überrascht umblickt. Der Frisör kennt dieses aufflatternde Gefühl, das sich anfühlt, als wenn einem für immer etwas Helles und Gutes entrissen worden wäre und man nichts dagegen tun kann. In den letzten Wochen hat er sich oft so gefühlt, immer dann, wenn der Gast kurz rausging, um etwas zu besorgen.

„Er holt uns nur einen Kaffee“, sagt er zum Nachbarn. „Er kommt gleich wieder.“

Weitergehen

Arbeit

formt schon zu Erde den Hang, über den er am Abend heraufkommen will, von der Arbeit zurück nach Haus

Haare

…er stand an den Türrahmen gelehnt da, weißes T‑Shirt, schwarze Trainingshose, lange, zum Dutt hochgebundene braune Haare.

Ohr

Seitdem stellt er sich beim Zubinden seiner Schuhe jedes Mal einen Hasen vor, der verknotete Ohren hat.

Bauarbeiter

Als ich mein Fahrrad vor dem Haus abstellte, kamen zwei Bauarbeiter heraus und hielten mir die Tür auf.

Nacht

Nahe und doch getrennt lauschen sie in die Nacht…

Geschäft

Ein gutes Geschäft ist ein gutes Geschäft, ein Schnäppchen ist ein Schnäppchen.

Geld

…an der kreuzung nebenan gibt es 2 türkische möbelläden, wo man geld umschlagen kann, in meinem haus wohnt ein nazi…

Blick

Was in Hellersdorf davorstand, den Blicken entzogen zu werden, sollte an der Grenze von Kreuzberg und Mitte (und zugleich: auf der früheren Grenze zwischen West und Ost) in einem symbolischen Akt des Widerstands umso größere – und digital vervielfachte – Wahrnehmbarkeit erlangen.

Mein Telephon ist an der Zimmerwand angebracht die mich von meinem Nachbar trennt, doch hebe ich das bloß als besonders ironische Tatsache hervor, selbst wenn es an der entgegengesetzten Wand hieng, würde man in der Nebenwohnung alles hören.

Franz Kafka, Der Nachbar, 1917

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu auch Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.