Gute Frage. Manchmal ist man sich
nicht einmal sicher, ob man überhaupt
lebt. Denn es geht immer so: man
findet sich vor an einem Ort und lässt
sich die Frage gefallen, wie um
Himmels willen man hier hin
gekommen ist. Wenn man dann weiß,
diese Bahn mit der Nummer 12 fährt
dort lang und hier kann man nicht
links abbiegen, wenn man ein paar
Mal gesehen hat, dass dieser Mensch
dort in der dritten Etage fast immer in
Unterhosen am Fenster steht und
raucht und die junge Frau ganz unten
im Haus einen enormen Verbrauch an
Wäsche und abwehrkräftestärkenden
Getränken hat, man sich also endlich
einmal sicher ist, kein bisschen anders
zu sein als die Leute, die hier leben,
wo immer das ist, kann es sein, dass
man schon längst wieder weg ist. Und
man fragt sich: wie nur bin ich
verschwunden. Denn sicher ist eins:
man ist nie gegangen, nur aufgetaucht
und abgetaucht. Wie von einer großen
Hand zurück ins Wasser gedrückt. Bis
man eines Tages diese Hand zu fassen
bekommt und bleibt.

Weitergehen

aufgetaucht

Das unterstreichen zum Beispiel die (Corona-bedingten) Gabenzäune und Einkaufshilfen in Berlin, die zuerst in den sozial und ethnisch gemischten Nachbarschaften aufgetaucht sind und nicht in den inszenierten Nachbarschaften der Mittel- und Oberschicht.

Fenster

Ihm aus dem Fenster nachzusehn wie von Bäumen, Abgang im Kastanienhagel…

rauchen

Der Makler hat jetzt einen Praktikanten. Manchmal stehen sie vor dem Haus und rauchen. Sie lassen sich Sashimi kommen, dass sie vor dem Köfteladen auf dem Stromkasten verspeisen.

Wäsche

Die Wäsche werde ich im Flur aufhängen, damit sie die beiden Zimmer nicht belastet.

verschwunden

Als wir an der Stelle angekommen waren, an der früher die Gedenktafel angebracht war, war sie weg. Nur die silberne Metallplatte, auf der sie montiert gewesen war, war noch da, aber auch sie war fast vollständig unter Efeuranken verschwunden.

Etage

in meinem haus wohnt ein nazi, auf meiner etage ein schwules paar…

Bahn

Wieder die Bahn nach Wittenau. Gemurmel und die Bahn ist weg. Es ist relativ wenig los.

Wenn kein Feind mehr da ist, dann sucht man ihn im Nachbarn.

Bertolt Brecht

Über das Projekt

Die Anthologie NACHBARSCHAFTEN, herausgegeben von Christina Ernst und Hanna Hamel, ist eine Publikation des Interdisziplinären Forschungsverbunds (IFV) „Stadt, Land, Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Seit 2019 erforscht das Projekt das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur und bezieht dazu Überlegungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit ein. In der im November 2020 online gestellten Anthologie können Leser*innen durch aktuelle Positionen und Perspektiven aus Literatur und Theorie flanieren, ihre Berührungspunkte und Weggabelungen erkunden und sich in den Nachbarschaften Berlins zwischen den Texten bewegen.